11. September 2019
 

Kino der Selbstpreisgabe. Das VDD-Panel beim fsff sucht Raum für Freiheit und findet den Mut der Erzähler.

Autor: VDD

Am Samstag, 7. September 2019,  luden der Verband Deutscher Drehbuchautoren (VDD) und das Fünf Seen Film Festival (fsff) im Rahmen der Veranstaltungsreihe "Fokus Drehbuch" wieder zum Drehbuchpanel ins Kino Breitwand Gauting.Moderatorin Brigitte Drodtloff, Autorin, Regisseurin und Vorstand VDD, hatte sich für ihre Panel-Gäste ein hochaktuelles Thema vorgenommen, das auch das Motto des diesjährigen fsff bildet:  Raum für Freiheit. Freiheit des Erzählens und die finanzielle Freiheit der Entwicklung guter Drehbücher waren damit gemeint, aber auch Kino als kultureller Ort, in dem Filmgeschichten überhaupt nur richtig zur Geltung kommen und dessen Zukunft erheblich von der Kraft guter Filmgeschichten abhängt.

Die Gäste Laila Stieler, Drehbuchautorin, Dramaturgin, Producerin, Marie Kreutzer, Drehbuchautorin, Regisseurin, Christine Repond,  Regisseurin und Drehbuchautorin, Prof. Dr. jur. Klaus Schaefer , Rechtsanwalt und ehemaliger FFF Geschäftsführer, Tom Tykwer, Regisseur, Drehbuchautor, Produzent und Filmkomponist haben sich von der energetischen Atmosphäre auf dem fsff anstecken lassen und begaben sich beherzt in eine bisweilen launische Diskussion.

 

Gruppenfoto v. l.n.r: Tom Tyker, Marie Kreutzer, Brigitte Drodtloff, Klaus Schaefer, Laila Stieler, Christine Repond, c: fsff/Ronny Heine

Die Frage nach Freiheit führte schnell zur Systemfrage. Die Freiheit des Erzählens für das Kino hängt entscheidend davon ab, inwieweit AutorInnen über ihre Geschichten bestimmen können. Die Erkenntnis des Panels: AutorInnen in Deutschland müssen zu häufig auch ihre Geschichten fürs Kino vor dem Einfluss der TV-Redaktionen schützen, was auch die Förderung verkompliziert.

 

Anders in Österreich: Marie Kreutzer erklärte, dass bei Kinostoffen diese Art der Redaktionseinmischung nicht üblich ist. Anders auch in der Schweiz: Die Schweizerin Christine Repond erzählte, wie sie jahrelang mit ihrem Drehbuch "Vakuum" hierzulande bei Redaktionen und Produzenten nicht weiterkam und schließlich zurück in die Schweiz gehen musste, wo ihr Projekt zügige Finanzierung fand.

 

 

Teaser-Clip VDD-Panel FOKUS DREHBUCH 2019, c: LIGHTREEL productions

 

Für Tom Tykwer sind der vielfach übliche  Umgang mit AutorInnen und die Finanzierungsmisere skandalöse Zustände. Andererseits beklagte er auch, dass in Deutschland viel zu viele schwache bis schlechte Kino-Filme produziert werden, deren Geschichten nicht ausgereift sind. Das läge einerseits an dem Druck, der auf Produktionen lastet, anderseits auf der traurigen Tatsache, dass für die Entwicklung der Drehbücher nach wie vor zu wenig Geld da ist.

 

Laila Stieler ergänzte, das Drehbuchschreiben sei dabei eigentlich nur das Sahnehäubchen. Der schwerste Teil der Autorenarbeit, das Recherchieren, Entwickeln und Schreiben eines Treatments, würde nach wie vor nicht wertgeschätzt, schlecht oder gar nicht bezahlt.

 

Förderexperte Klaus Schaefer hielt dagegen, dass es Vorleistungen geben muss, da man erst aus Basis einer guten Geschichte eine Drehbuchentwicklung bezahlen kann, schließlich geht es um Steuergelder, mit denen man bei der Filmförderung verantwortungsvoll umgehen muss. Außerdem werden grundsätzlich alle Genres gefördert, nicht nur kommerzielle Stoffe. Für Tom Tykwer ist das bedauerlich, denn das Resultat der breiten Förderung sieht man dann an leeren Kinokassen. Nur mit starken Geschichten kann man letztendlich den Erhalt des Kinos als künstlerischen Freiraum erhalten.

 

Der VDD hatte im Oktober 2018 die Weltkonferenz der DrehbuchautorInnen in Berlin organisiert. Die Berichte der AutorInnen zeigten dort nachdrücklich, wie die Gefährdung der Kunst- und Meinungsfreiheit angesichts des wachsenden Einflusses populistischer und autoritärer Regime in Europa und weltweit fortschreitet. Das Thema wurde auf dem  Panel wieder aufgegriffen und Marie Kreutzer konnte keine Entwarnung für Österreich geben, vielmehr zeigte sie sich nachdenklich und schaue mit Spannung darauf, wie es mit der künstlerischen Freiheit in ihrem Land weitergeht. Laila Stieler berichtete von ihrer Zeit in der DDR. Die Kreativen nahmen sich die Freiheit, um aus der Unfreiheit entfliehen und ihre Geschichten trotz aller Zwänge gut erzählen zu können, indem sie ihre eigene, subtile Dramaturgie entwickelten.

 

Für Brigitte Drodtloff stellte sich die Frage, ob die Freiheit in Deutschland zu selbstverständlich ist und ob sich AutorInnen deshalb so starre Scheren in den Kopf setzen, um Interessen der Zuschauer, Produzenten und Redakteuren entgegenzukommen. Tom Tykwer meinte, dass ihm genau das fehlt: Die Originalität, die Aggression, das "Sich selber Preisgeben" - das fehlt in den deutschen Drehbüchern und in den daraus entstehenden Filme. Er rief auf zu mehr Mut, zu Kompromisslosigkeit und zum Aufwachen aus der Opferrolle des "armen Autors". Schließlich liegt es an den Kreativen, die Verantwortung für ihre Geschichten zu übernehmen - und wenn ein Produzent die Drehbücher glattbügeln will, dann geht man weiter. Gute Geschichte setzen sich durch und überzeugen schließlich jeden. Dazu sollten DrehbuchautorInnen mehr Selbstbewusstsein entwickeln.

 

Am Ende des Panels stand somit fast etwas Systemsprengendes im Raum: gefunden im Mut der Erzählerinnen und Erzähler.

 

Trotz der allgemein spürbaren Aufbruchstimmung unter den Drehbuchautorinnen und -autoren, neuer Senderleitlinien, die zukünftig wichtige Fortschritte für die Zusammenarbeit mit AutorInnen auf Augenhöhe bedeuten können, führte das Panel erneut vor Augen: es gibt noch viel zu tun, um die Situation für DrehbuchautorInnen insgesamt nicht nur zu verbessern, sondern der Arbeit der AutorInnen endlich und in allen Bereichen eine für den gemeinsamen kreativen Schaffensprozess der Filmproduktion angemessenen Stellenwert und fruchtbaren, kommunikativen Rahmen zu geben.

 

Unser herzlicher Dank geht an die Gäste auf dem Panel sowie an VDD Vorstand Brigitte Drodtloff für die Organisation und Moderation!

 

Den vollständigen Video-Mitschnitt des Panels finden Sie hier.

 

Jan Herchenröder

Geschäftsführung VDD

 

Seit nunmehr acht Jahren hat das Fünf Seen Filmfestival als einziges deutsches Filmfestival mit Fokus Drehbuch eine Film- und Veranstaltungsreihe, die das Drehbuch in den Mittelpunkt stellt und sich mit dessen Bedeutung im Entstehungsprozess des Films beschäftigt.

FOKUS DREHBUCH ist eine Veranstaltung des Verbands Deutscher Drehbuchautoren e. V. in Zusammenarbeit mit dem Fünf Seen Filmfestival fsff, unterstützt von der Filmförderungsanstalt FFA  und der Gemeinde Gauting, die den Preis stiftet.