10. September 2018
 

Fürs Kino zu schreiben bedeutet in Deutschland viel zu oft Selbstausbeutung

Autor: VDD

Statement von Drehbuchautor und Regisseur Hans Weingartner anlässlich der Verleihung des DACHS-Drehbuchpreis 2018

Silke Eggert (VDD, Co-Autorin) und Hans Weingartner haben im Rahmen der Veranstaltungsreihe FOKUS DREHBUCH auf dem Fünf Seen Film Festival den DACHS Drehbuchpreis 2018 gewonnen. Hans Weingartner konnte persönlich nicht anwesend sein, ließ aber folgendes Statement verlesen:

"Liebe Leitung des Fünf-Seen-Film-Festivals, sehr verehrtes Publikum, verehrte Jury,

ich möchte mich sehr herzlich für die Verleihung des DACHS-Drehbuchpreises an Silke Eggert und mich bedanken. Dieser Preis bedeutet mir sehr viel. Er ist eine große Ehre und eine tolle Würdigung meiner Arbeit. 

Dank auch an all jene, die unseren Film „303“ gegen alle Widerstände möglich gemacht haben.

Bitte erlauben Sie mir bei der Gelegenheit, etwas zur Situation von Drehbuchautoren in Deutschland zu sagen. Fürs Kino zu schreiben bedeutet in Deutschland viel zu oft Selbstausbeutung. Die meisten Autoren, die ich kenne, können davon nicht leben und müssen primär fürs Fernsehen arbeiten. 

Das größte Problem des deutschen Kinos ist meiner Meinung nach, dass die Drehbuchautoren zu schlecht bezahlt werden. Schreiben braucht Zeit. Wer zu wenig Geld bekommt, kann nicht genug Zeit für das Schreiben und die Recherche aufwenden. Das Buch wird dann oft gedreht, obwohl es nicht ausgereift ist.

Zudem wird oft sogar das Risiko auf die Autoren abgewälzt. Wenn die Finanzierung eines Films scheitert, wird der Autor hierzulande üblicherweise nur zur Hälfte bezahlt. Und das, obwohl er seine Arbeit schon gemacht hat! Ist das nicht unglaublich? Wenn ein Mechaniker Ihr Auto repariert, sagen Sie dem dann auch hinterher: Sorry, aber die Finanzierung hat nicht geklappt, ich kann nur die Hälfte der Rechnung bezahlen? Wenn Sie ein Restaurant besuchen, sagen Sie dann auch dem Wirt nach dem Essen: Ja sorry, tut mir leid, aber es gibt da ein Problem mit der Finanzierung?

Genau so geht es aber beim Film hierzulande zu. Dieser Wahnsinn muss endlich aufhören. Die Produzenten müssen das Risiko tragen, nicht die Autoren. Denn die Produzenten streichen am Ende ja auch den Gewinn ein. Man mag es kaum glauben, aber die meisten Produzenten hierzulande haben immer noch die Einstellung, das geschriebene Wort ist nichts wert. Schreiben, das ist doch nicht so schwer, das kann ich auch. Wenn sie in den Urlaub fliegen, gehen diese Leute wahrscheinlich auch nach vorn zum Piloten und sagen: Hey, lass mich mal, ich kann das auch.

Ich bin seit 20 Jahren in dieser Branche. Ich kenn sie als Autor, als Regisseur, auch als Produzent. Ich weiß, wovon ich spreche. Also glauben Sie mir bitte, wenn ich sage: Das Grundproblem des deutschen Films ist, dass es zu wenige gute Drehbücher gibt. Ein wesentlicher Grund dafür ist, dass die Autoren zu schlecht behandelt werden.

Das muss sich ändern. 

Danke für diesen Preis. 

Ihr Hans Weingartner"

 

Wir gratulieren Silke Eggert und Hans Weingartner herzlich zum DACHS Drehbuchpreis und danken Hans Weingartner für die offenen Worte!

Mehr Infos zu FOKUS DREHBUCH:

Seit nunmehr sieben Jahren hat das Fünf Seen Filmfestival als einziges deutsches Filmfestival mit Fokus Drehbuch eine Film- und Veranstaltungsreihe, die das Drehbuch in den Mittelpunkt stellt und sich mit dessen Bedeutung im Entstehungsprozess des Films beschäftigt. In diesem Jahr beleuchtet Fokus Drehbuch das Thema "Zeit" mit den Facetten, die für Drehbuchautoren wichtig sind: Zeit für Recherche und Stoffentwicklung, große Geschichten und erzählte Zeit. In der Filmreihe Fokus Drehbuch wurden in diesem Jahr auf dem FSFF die sechs Filme gezeigt, die für den DACHS Drehbuchpreis nominiert waren: "303" (DE 2018; Regie: Hans Weingartner, Buch: Hans Weingartner, Silke Eggert), "Blue My Mind" (CH 2017; Buch und Regie: Lisa Brühlmann), "Das schweigende Klassenzimmer"(DE 2018; Buch und Regie: Lars Kraume), "Gatekeeper" (A 2017; Buch und Regie: Loretta Pflaum, Lawrence Tooley), "In my room" (DE/IT 2018; Buch und Regie: Ulrich Köhler) und "Styx" (DE 2018; Regie: Wolfgang Fischer, Buch: Wolfgang Fischer, Ika Künzel).

 

Fokus Drehbuch ist eine Veranstaltung des Verbands Deutscher Drehbuchautoren in Zusammenarbeit mit dem Fünf Seen Filmfestival, unterstützt von der FFA und Mixtvison.