9. Juli 2018
 

Es war einmal … und es wird sein. Keynote zur ARD-VDD-Drehbuch-Werkstatt 2018 von Sebastian Andrae

Autor: VDD

Die zweite erfolgreiche Drehbuchwerkstatt von ARD und VDD liegt hinter uns - und damit erneut ein intensiver Austausch zwischen Drehbuchautorinnen und  -autoren sowie Verantwortlichen der ARD-Fiktion.

Zentrales Thema der Werkstatt war "Vielfalt". Wir veröffentlichen im Folgenden die Keynote, die Sebastian Andrae, geschäftsführender Vorstand VDD, zur Eröffnung der Werkstatt gehalten hat:

Liebe Frau Professor Wille, liebe Kolleginnen und Kollegen, Partnerinnen und Partner in den Redaktionen und außerhalb -

die beste Voraussetzung für Vielfalt ist eine möglichst breite Gesprächskultur. Den ersten Schritt aufeinander zu haben wir letztes Jahr gemacht. Ihm gingen viele kleine Schritte im Verborgenen voraus, und die Werkstatt heute wird ganz sicher nicht der letzte sein.

Lassen Sie uns über eine größere Vielfalt unserer Filme und Serien reden, aber lassen Sie uns auch aufpassen, dass wir uns nicht nur neue Regeln und eine neue Achtsamkeit verordnen, sondern dass mehr Vielfalt auch mehr Freiheit heißen muss. Geschichten dürfen nicht im Regelwerk ersticken. Es gibt keinen Zollstock und keine Schneiderelle, die in unserem Beruf das Maß gelungenen Handwerks bestimmt.

Meine älteste Tochter studiert Psychologie in Leiden in Holland – der Name der Stadt passt fast zu gut, und als Drehbuchautor müsste ich vielleicht einen subtileren erfinden -, und ich bin immer sehr gespannt auf neue Erkenntnisse aus der Hirnforschung, auch wenn eine gleichbleibende Erkenntnis lautet, dass ich sie kaum verstehe. Was aber auch jemand begreift, der sich nicht in alle Feinheiten der Neuropsychologie hineindenkt: wir denken anders, wenn wir uns austauschen. Die sogenannten Spiegelneuronen unserer Gehirne reagieren aufeinander. Und: Motivation ist entscheidend für außerordentliche Gedankenleistungen. Das menschliche Gehirn ist das faszinierendste Organ, und Freiheit bekommt ihm so gut wie dem Menschen an sich.

Wir alle wollen, dass unsere Geschichten weitererzählt werden – als es nur drei Programme gab, war klar, was am nächsten Morgen Schulhofgespräch sein würde oder das Thema am Kaffeeautomaten. Heute müssen wir davon ausgehen, dass wir entweder die modebewusste peer group in der sonnigen Ecke des Schulhofs erreichen – falls es uns gelungen ist, sie von den Topmodels abzulenken – oder die Nerds aus dem Physik-Leistungskurs. Entweder die Männer, die den Kaffeeautomaten reparieren oder die Damen aus dem Sekretariat, die sich über den Cappuccino ohne Milch beschwert haben. Und das war jetzt ein Klischee, und ich drehe es aus gegebenem Anlass um: Einige Herren haben sich über den labbrigen Espresso beschwert und eine patente Frau im Blaumann bringt die Maschine wieder in Schuss.

Klischees zu entkommen ist sehr schwer, manchmal aber machen sie auch Spaß, wie in der Komödie, oder verdeutlichen Zusammenhänge. Lassen Sie uns also nicht nur über den nötigen Aufbruch in eine erzählerisch buntere Welt diskutieren, in der wir gemeinsam mit und in der ARD auch mal überraschende Gesellschaftsbilder entwerfen – haben wir auch keine Angst vor Irrtümern, vor kräftigen Bildern, nicht einmal vor Klischees, die kann man auch wieder brechen.

Werden wir nicht vorsichtiger, werden wir mutiger! Erzählen ist eine Überlebenstechnik der Menschheit. In ihr vergewissert sich der Mensch, Frau oder Mann, Erwachsener oder Kind, jeder Hautfarbe und Herkunft, seiner Identität. Es war einmal … und es wird sein.

Wir freuen uns auf den Austausch mit Ihnen.

Sebastian Andrae

Keynote ARD-VDD-Drehbuchwerkstatt

München, 6. Juli 2018