3. Juli 2018
 

Fiktion erzählt die Welt - 10 Thesen zur Fiktion

Autor: VDD

Fiktion ist eine tragende Säule im Programm von ARD und ZDF. In der Debatte um die Neugestaltung des Auftrags für die öffentlich-rechtlichen Sender geht es auch um die Stellung der Fiktion, die alles umfassen kann - Information, Bildung, Unterhaltung und Kultur - und  dennoch durch die Kraft der Emotion ganz eigenständigen Charakter und eigenständige Wirkungsmöglichkeiten hat.

Katharina Amling, VDD-Vorstand, nähert sich in 10 Thesen der besonderen Bedeutung der Fiktion:

1.Fiktion ist Erkenntnis                     

Menschen brauchen Geschichten, um sich selbst und ihre Umwelt zu erklären. Wissenschaftler nennen das „Narrative Psychologie“. Sie gehen davon aus, dass wir Ereignisse im Zeitablauf zu Geschichten verknüpfen, um bestimmte Situationen oder Persönlichkeits-merkmale im Jetzt zu begründen. Das Hirn ist regelrecht dazu konstruiert, Verknüpfungen zwischen Ereignissen zu schaffen und damit Geschichten zu erzählen.

 

2. Fiktion ist Leben

„Damit wir nicht gefressen werden! Evolutionstheoretisch ausgedrückt: Wäre der Mensch nicht in der Lage gewesen, Erfahrungswerte weiterzugeben – von Generation zu Generation, über       abertausende Jahre hinweg –, hätte unsere Spezies nicht überlebt.

 

3. Fiktion bewegt

„Ein Buch muss die Axt sein für das gefrorene Meer in uns“ (Kafka) Geschichten fördern Empathie. Sie erschaffen eine emotionale Transportleistung von Inhalten, die reine Unterhaltung oder gar Information nie geben könnten. Fiktion schafft Nähe, erlaubt es uns, unmittelbar in fremde Leben einzutauchen, Probleme, Dilemmata, zeitliche Kontexte emotional zu erleben und nicht nur davon zu hören.

 

4. Fiktion ist ein Kulturgut    

Seit Beginn der Menschheit erzählen Menschen sich Geschichten. Der Prozess der Überlieferung, die Tradierung von Inhalten, dem Wissen der Altvorderen, bildet die Grundlage für die Tradition als kulturelles Erbe. Seit Menschen denken, sind diese Wahrnehmungsbilder weitergereicht worden – in mündlicher Form, über Bildwerke, schriftlich und schließlich in Form von bewegten Bildern.

 

5. Fiktion ist relevant              

Fiktion beschäftigt sich mit den aktuellen Problemen einer Gesellschaft, schärft den Blick und fördert kritisches Denken. Durch relevante Filme werden       Diskussionen und Skandale ausgelöst, die innerhalb der Gesellschaft etwas bewegen können

 

6. Fiktion ist wahrhaftig         

- sogar wahrhaftiger als die Geschichtsschreibung, das schrieb schon Aristoteles in seiner Poetik: „Auf den           Schwingen der Fiktion“, so war er überzeugt, könne höhere Allgemeingültigkeit und tiefere Erkenntnisförderung erreicht werden.

 

7. Fiktion ist Unterhaltung    

Geschichten schaffen Inseln, geben uns  die Möglichkeit, vor unserem eigenen Alltag und unseren Problemen zu flüchten, indem wir in eine andere Welt eintauchen. Je schwieriger die Zeiten, desto größer der Wert des Eskapismus.

 

8. Fiktion ist wesentlich         

Auch dies sagte bereits Aristoteles: Sowohl das Nachahmen (der Wirklichkeit in der Fiktion) selbst, als auch die Freude an der Nachahmung sind dem Menschen            angeboren und das unterscheidet ihn von anderen Lebewesen: „Denn von Dingen, die wir in der Wirklichkeit nur ungern erblicken, sehen wir mit Freude möglichst getreue Abbildungen, z.B. von äußerst unansehnlichen Tieren und von Leichen.“ (Poetik). Dazu gibt uns Fiktion die Möglichkeit, Prozesse im Inneren eines Mörders nachvollziehen zu können, ohne einer werden zu müssen.

 

9. Fiktion erschafft Helden    

Menschen brauchen Helden! Durch Identifikation mit fiktiven Figuren relativiert der Mensch sich selbst und sein Verhalten. Sie laden ein, größer zu denken, schenken Mut.

 

10. Fiktion erschafft Welten  

Geschichten fördern unsere Fähigkeit, über mögliche Welten nachzudenken, und erlauben es uns somit, unsere eigene Welt aus einem anderen Blickwinkeln heraus zu betrachten. Wir üben in diesen „anderen“ Welten. Ohne uns echten Gefahren aussetzen zu müssen, bieten uns diese Welten ähnliche Erfahrungswerte, weil wir sie physisch und psychisch durchleben. Es ist eine Simulation. Durch das Abtauchen in eine andere Welt erkennen wir die Eigene.

 

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