7. Januar 2019
 

SCENARIOdigital - Ich glaube, ich kann eher kurz. Werkstattgespräch mit Drehbuchautorin Ruth Toma

Autor: Jochen Brunow 

von Jochen Brunow

Das folgende Werstattgespräch erschien 2008 im Band SCENARIO 2 im Bertz + Fischer-Verlag als Publikation der Carl-Meyer Gesellschaft und gefördert vom BKM, hrsg. von Jochen Brunow. Unter dem Label SCENARIOdigital wird der VDD weitere Werkstattgespräche und Essays aus dem Drehbuch-Allmanach Scenario veröffentlichen - mit freundlicher Genehmigung des Bertz + Fischer Verlags.

Ruth Toma, Autorin und VDD-Mitglied, hat neben vielen erfolgreichen Werken das Drehbuch zum aktuellen Kinoerfolg "Der Junge muss an die frische Luft", basierend auf dem Beststeller von Hape Kerkeling, geschrieben. In diesem sehr persönlichen Werkstattgespräch gibt sie Einblicke in ihre Biographie und ihr Schreiben und reflektiert im folgenden Auszug aus dem Werkstattgespräch als einen Aspekt ihre Erfahrungen in ihrem Kunststudium:

Im Studium hatte ich ein großes Handikap. Ich kann nicht gut zeichnen. Ich habe Probleme mit räumlicher Darstellung und kann einfach nicht gut mit Perspektive umgehen. Einige Semester lang war ich ziemlich unglücklich, bis ich verstanden habe, dass Kunst im Kopf stattfindet und dass die Mittel, sich auszudrücken, vielfältig sind. Ohne bewusst zu »schreiben«, habe ich bereits damals viel mit Texten gearbeitet.

Ich habe beispielsweise Buchobjekte gemacht mit Texten und Fotografien oder anders hergestellten Bildern. Im Buch als Kunstobjekt ist – im Gegensatz zum Bild an der Wand – Zeit enthalten. Man schlägt Seite um Seite um, und das Buch drängt dem Betrachter seine Zeit auf, so wie auch der Film das tut.

Es gibt auch in der bildenden Kunst Elemente der Narration. Hattest du damals das Gefühl, nicht nur zu zeigen, sondern auch bereits zu erzählen?

Durchaus. Ich habe damals sogar mit einem Freund zusammen einen Kurzfilm gedreht, der handelte davon, dass wir beide das Haus der Kunst in München, einen alten Nazibau, abreißen. Dabei entdeckte ich einen fundamentalen Filmtrick. Man kann den Ort wechseln und so tun, als wäre es derselbe. Wir haben den zweiten Teil unseres Films auf einem Trümmergrundstück gedreht und getan, als wäre es das Haus der Kunst nach vollbrachter Arbeit. Zugegeben ein sehr bekannter Trick, aber man muss ihn einmal selbst erfunden haben – wie sovieles im Film.

Das ist im Grunde die alte filmische Urerkenntnis, die der Pionier des fantastischen Films, Georges Méliès, bei seinen Stop-Motion-Tricks hatte und für die erste Reise zum Mond nutzte. Wenn du diese Phase von heute
aus betrachtest, also vom Bildnerischen zum Erzählen und Drehbuchschreiben, welche Rolle spielen da für dich in den Scripts die Bilder, die du mit deiner Sprache evozierst und die du sicher wieder finden willst im fertigen Film?

Ich sehe die Bilder oft sehr genau vor mir und versuche sie in den Büchern knapp, aber präzise zu beschreiben. Ich schreibe nie das Wort Kamera, versuche aber, wenn es mir darauf ankommt, den Blick so genau zu lenken, dass der Bildausschnitt quasi vorgegeben ist. Eine Kamerabewegung dagegen kann ich mir nur schwer vorstellen. Darin zeigt sich mein altes Problem mit Perspektive und räumlicher Darstellung. Wenn sich Kamera und Schauspieler gleichzeitig bewegen sollen, bin ich ganz verloren. Deshalb könnte ich nie Regie führen. Mit Bewegung im Bild bin ich überfordert, aber das Bild als Ganzes, das ist mir beim Schreiben präsent.

Man muss sich für eine dramatische, fotografisch aufzuzeichnende Filmszene die konkrete physische Realität der Situation vorstellen können. Aber bei eigentlich jeder Form des erzählenden Schreibens rekurriert man als Autor auf einen Raum. John Berger, der Drehbuchautor der frühen Filme von Alain Tanner, der auch viele kunsthistorische Essays über Malerei geschrieben hat – dessen gesamtes OEuvre gewissermaßen um die Fragestellung Text und Bild kreist –, hat darüber geschrieben. Ich weiß nicht, ob du ihn kennst; sein Buch Die Kunst des Sehens müsste in der Zeit deines Studiums Pflichtlektüre gewesen sein. John Berger ist auch Romanautor, und er sagt, bei jeder Form des Erzählens müsse sich der Autor einen Raum vorstellen. Der von ihm für die Organisation von Worten zu einem erzählenden Text als erforderlich beschriebene Raum ist natürlich kein physikalischer.

Es kann sein, dass ein Gegenstand wie der Schal einer Frau mehr Raum beansprucht als eine Wolke, das hängt von der besonderen Erfahrung ab, über die berichtet wird. Und doch lässt der Raum, der nötig ist, die Worte zu organisieren, sich auch für mich nur bildhaft denken.

Meine Vorstellung von einem Filmbild ist nicht fotografisch. Ich sehe nicht, was die Kamera sieht. Alles, was nicht wesentlich ist, kommt nicht vor. Ich imaginiere nicht ein vollständig eingerichtetes Zimmer. Was auf dem Tisch steht, sehe ich nur dann vor mir, wenn es gebraucht wird. Das ist eine selektive Art des Sehens, reduziert auf das Wesentliche. Das Bild ist schon künstlerisch verformt, verfremdet, das ist keine Wirklichkeit.

Diese Frage hat auch die religiöse und die Geistesgeschichte bewegt. Es gab diesen Streit in der katholischen Kirche, haben die Apostel zuerst gesehen und dann geschrieben, also visioniert und geschrieben, oder haben sie zuerst geschrieben, und dann entstand danach, oder daraus, das Bild? Das ist wohl ein Grundmoment von geistiger Auseinandersetzung, wie funktioniert unser Kopf, wenn wir Dinge festhalten wollen, wenn wir versuchen, sie handhabbar zu machen? Solange wir den Film, den wir uns vorstellen, nur im Kopf haben, existiert er nicht wirklich. Material wird er erst in dem Moment, wo wir anfangen, ihn aufzuschreiben. Dann wird er auch Gegenstand für andere, Objekt der Auseinandersetzung mit anderen. Aber das ist nicht der Film, den wir im Kopf gehabt haben.

Die geschriebenen Worte machen »den Film im Kopf« plötzlich eindeutig. Man legt sich fest. Aus einer vielfältig schillernden Möglichkeit wird eindeutige Wirklichkeit. Am Ende sollen aus den Worten wieder Bilder werden. Und vermutlich erzeugen weniger Worte im Gegenüber mehr Bilder.

(...)

Das Werkstattgespräch in voller Länge finden Sie weiter unten im Anhang.

 

Wir danken unserem Gründungs- und Ehrenmitglied Jochen Brunow für seinen Einsatz für die Veröffentlichung sowie dem Verlag Bertz + Fischer für die freundliche Unterstützung!

http://www.bertz-fischer.de/