"The Total Filmmaker" nannte Jerry Lewis sein Buch, mit dem er den Nachwuchs an seinen Einsichten als Autor-Regisseur-Produzent-Star teilhaben ließ. Erweitert wurde diese in der Filmgeschichte sehr seltene Mehrfachbegabung (Chaplin fällt einem ein, auch noch der frühe Orson Welles) jüngst durch, Achtung!, Doris J. Heinze. Doch die deutsche Fernsehfrau wollte sich im Unterschied zum US-Klamaukgenie nie in die Karten gucken lassen: Ihrem persönlichen Dreisatz aus Schreiben-Entscheiden-Kassieren eignete zwar Raffinesse, fehlte aber menschliche und künstlerische Integrität; ihr Engagement als Autorin von Rührstücken und komisch klischeehaften Lebensläufen hielt sie geheim, um Macht und Geld nicht teilen zu müssen. Ihr bleibt allein das ungewollte Verdienst, die bisher heftigste Debatte über Öffentlichkeit und Rechtmäßigkeit in den öffentlich-rechtlichen Sendern angestoßen zu haben.
Selten standen Deutschlands Fernsehanstalten, die zu den reichsten der Welt gehören, derart unter Beschuss wie in den Wochen nach der "Affäre Heinze" - wurden doch durch sie schlaglichtartig all jene Fehlentwicklungen erhellt, mit denen wir Kreativen, aber auch Zuschauer fernsehtäglich zu kämpfen haben: unkontrollierte Machtkonzentration einerseits, Überkontrolle der schöpferischen Kräfte andererseits, Unterschätzung des Künstlers und des Publikums gleichermaßen. Innerhalb dieser Parameter entsteht nicht das "beste Fernsehen der Welt", wie es von einem Senderverantwortlichen trotzig auf einem Forum behauptet wurde, sondern ein gefährdetes System, das womöglich neuen Machern und Medien schneller unterliegen wird als man glaubt.
Der jüngste Rempler von Bundestagspräsident Lammert gegen die Öffentlich-Rechtlichen, sie hätten Soaps und seichte Komödien statt seiner Wiederwahl im Bundestag gezeigt, zeigt die Gereiztheit, mit der Entscheidungsträger in der Politik inzwischen diesem System gegenüber stehen (es gab "lang anhaltenden Beifall"). Und wir? Wir stehen drinnen und draußen, gleichzeitig. Unsere Verbandsmitglieder schreiben vielleicht eher "Schaumküsse" als die Reden des Bundestagspräsidenten, aber sie schreiben noch vieles mehr, und so ist unser vitales Interesse eine Verbesserung des Programms und eine Verbreiterung der Entscheidungen darüber. Ein Anfang ist dem VDD mit seiner hochkarätig besetzten Veranstaltung "Der Fall Heinze und die Folgen" auf dem diesjährigen Filmfest Hamburg gelungen – den Bericht und den Hinweis auf den podcast finden Sie unten. Der VDD positioniert sich nicht als Gegner, sondern als Gesprächspartner der Sender ebenso wie der Politik. Wir sind überzeugt: Nicht jeder kann so viel wie der große Jerry Lewis. Aber wir können mehr als den kleinsten gemeinsamen Nenner.
Für den Vorstand: Sebastian Andrae
Während die Gesamteinnahmen der VG Wort zwar gestiegen sind, wird dagegen für Autoren im audiovisuellen Bereich deutlich weniger Geld ausgeschüttet: Hier gibt es einen Rückgang der zur Verfügung stehenden Mittel um 22,4 Prozent.
Diese stark zurückgegangenen Einnahmen sind eine Folge der neuen Gesetzeslage, des sog. 2. Korbes des neuen Urheberrechts und der automatisierten Sendeerfassung, so die VG Wort. Beim Urheberrecht sind weitere mögliche Gesetzesänderungen angekündigt. Der VDD wird diesbezüglich in den nächsten Wochen verstärkt an die Politik herantreten, jetzt, da die neue Koalition die Ressorts verteilt hat und die Ausschüsse gebildet werden.
Die Stellungnahme der VG-Wort:
http://www.drehbuchautoren.de/?q=nachrichten/2009/10/trotz-rekord-ergebn...
Die Stellungnahme des VDD zur anstehenden Novellierung des Urheberrechts finden Sie hier:
http://www.drehbuchautoren.de/?q=nachrichten/2009/06/stellungnahme-3-kor...
Anfang November findet in Athen die erste Internationale Drehbuchautoren-Konferenz statt, zu der – auch dank finanzieller Unterstützung der VG Wort und des BKM – eine große Delegation aus Deutschland reist. Kollegen aus der ganzen Welt, so erstmals auch Vertreter der Writers Guilds of America, werden zwei Tage lang Fragen rund ums Drehbuch im Hinblick neuer globaler Trends diskutieren - vom Schreiben über das Produzieren bis hin zur Verwertung. Weitere Informationen im Blog der Konferenz:
http://wcos.wordpress.com/.
Präsent wie selten zuvor: Der VDD auf dem diesjährigen Filmfest Hamburg. Besondere Aufmerksamkeit erregte unsere Podiumsdiskussion "DER FALL HEINZE UND DIE FOLGEN – mehr als ein TV-Krimi?", zu dem der Verband Deutscher Drehbuchautoren gemeinsam mit dem BVR in die Spielbank Hamburg eingeladen hatte. Moderiert von Drehbuchautor und Hamburger VDD-Vorstand Sebastian Andrae, wurden nicht einfach ein Skandal, sondern dessen Ursachen und Wirkungen auf die Branche und vor allem auf den Umgang mit Kreativen kontrovers verhandelt. Mehr als 100 interessierte Zuhörer, in der Mehrzahl Autoren, Regisseure und Schauspieler, beteiligten sich lebhaft an der anschließenden offenen Diskussion über Perspektiven für vielfältigeres Fernsehen in Deutschland.

Kai-Hinrich Renner, Prof. Dr. Volker Lilienthal, Jobst Oetzmann, Dr. Knut Boeser, Mischa Hofmann und Thomas Schreiber
Drehbuchautor Dr. Knut Boeser und Regisseur Jobst Oetzmann schilderten v.a. die Erfahrungen der Kreativen mit einem immer stärker formatierten Programm und die Gefahren der Machtkonzentration in den Händen weniger Entscheider. Mischa Hofmann, Vorstandssprecher der ODEON und Chef von Hofmann & Voges, stellte die Situation der Produzenten dar; auch er forderte eine bessere Wahrnehmung der Autoren – zum Wohle der gesamten Branche. Thomas Schreiber hatte als Leiter des Programmbereichs Fiktion & Unterhaltung im NDR den womöglich höchsten Wortanteil: Krisenmanagement und interne Abläufe im NDR sorgten für Erklärungsbedarf – ebenso große Aufmerksamkeit war ihm aber für seine Ankündigung von Workshops zur Transparenz und zur künftigen Gestaltung öffentlich-rechtlichen Fernsehens sicher. Beifall für diesen Vorstoß fand Schreiber u.a. bei Prof. Dr. Volker Lilienthal, Rudolf-Augstein-Stiftungsprofessor für Qualitätsjournalismus an der Universität Hamburg, der sich zuvor mit deutlich kritischen Worten zum öffentlich-rechtlichen Fernsehen geäußert hatte und dessen Erfahrungen bei der Aufdeckung des Schleichwerbungsskandals für erhellende Seitenblicke gesorgt hatten. Unterstützt wurde er durch aktuelle Ergänzungen von Kai-Hinrich Renner, der als Medienredakteur des "Hamburger Abendblatts" die Affäre Heinze dokumentiert hat. VDD und BVR konnten mit dieser Diskussion einen wichtigen Beitrag zur öffentlichen Wahrnehmung eines Skandals leisten, der eben doch mehr war als bloß der "Aufreger der TV-Saison".
Ein Mitschnitt der Veranstaltung ist als Podcast ab 27.Oktober 2009 hier zu hören:
Fast schon beschaulich, aber dennoch spannend ging es dagegen bei unserer zweiten Veranstaltung auf dem Filmfest zu: Die Filmförderung Hamburg Schleswig-Holstein hatte anlässlich des 17. Filmfests Hamburg ins "Literaturcafé: Buch trifft Film" geladen. Vertreter der sechs Verlage Friedrich Oetinger, Rowohlt, Hoffmann und Campe, Mare, Edition Nautilus und Carlsen präsentieren jeweils einen Stoff, der nach ihrer Meinung so verfilmungsfähig wie verfilmungswürdig war. Heike Wiehle-Timm, Geschäftsführerin Relevant Film, und Sebastian Andrae, Vorstand des Verbandes der Deutschen Drehbuchautoren beurteilten die Bücher nach Fragen aus Sicht der Film- und Fernsehbranche. Gemeinsam mit den Verlagsvertretern und der renommierten Kinderbuchautorin Kirsten Boie wurden Fragen wie "Nach welchen Kriterien bewertet ein Verlag die Verfilmbarkeit eines Buches?" und "Decken sich diese Vorstellungen mit den aktuellen Bedingungen und Erfordernissen der Produktionsbranche?" intensiv und erhellend diskutiert. Unter der Moderation von Jens Büchsenmann (NDR 90,3) entspann sich eine lebhafte Diskussion, die beim anschließenden Get-together noch anhielt und nach dem Willen der Veranstalter im nächsten Jahr eine Fortsetzung finden soll – wir sind gerne dabei!
Eva Hubert, Jens Büchsenmann, Sebastian Andrae, Heike Wiehle-Timm und Jens Stabenow
"Das Riskanteste, was man machen kann, ist Bücher zu schreiben. Development ist das Schwierigste.", so der Regisseur und Autor Christian Wagner auf der Paneldiskussion "Stoffentwicklung im Team", September 2009. Diese Worte leiten in den ausführlichen Bericht von Heiko Zupke über die Tagung des Verbandes deutscher Film- und Fernsehdramaturgen e.V. ein - lesen Sie hier:
http://www.drehbuchautoren.de/?q=nachrichten/2009/10/filmstoffentwicklun...
Die dritte Deutsch-skandinavische Drehbuchwerkstatt findet am 7.11.2009 um 14 Uhr im Rahmen der Nordischen Filmtage 2009 statt:
http://www.drehbuchautoren.de/?q=nachrichten/2009/10/deutsch-skandinavis...
Klinik-, Polizei- und Notfallseelsorger sowie Gemeindepfarrer – die Kirche im fiktionalen Programm
Eine Veranstaltung der Evangelischen Kirche in Deutschland in Zusammenarbeit mit dem Verband Deutscher Drehbuchautoren
Das Gespräch zwischen Spezial- und Gemeindepfarrer, Drehbuchautoren und Senderverantwortlichen findet am 2. Dezember 2009 von 14.30 Uhr bis 18.30 Uhr in Berlin im Tagungszentrum Neue Mälzerei, Friedenstraße 91, 10249 Berlin (Friedrichshain). statt.
Programm, Anfahrtsskizze und Anmeldeformular hier:
http://www.drehbuchautoren.de/?q=nachrichten/2009/10/veranstaltungs-tipp...
Im Rahmen des großen deutschen Krimifestivals TATORT EIFEL wurde der gemeinsam mit dem Verband Deutscher Drehbuchautoren ausgelobte Preis DER CLOU vergeben.
Den ersten Platz für den insgesamt mit 7.000€ dotierten Preises erhielt Peter Dommaschk aus Berlin für seine Serienidee "Hannah und der Winterschläfer". Diese erzählt von zwei Menschen mit zwei Geheimnissen: einer Kommissarin in Brandenburg, die nicht an den Suizid ihres Sohnes glauben kann und einem jungen Tatortfotografen, der auf der Suche nach seiner verlorenen Identität ist. Stephan Falk aus Mainz erreichte den 2. Platz mit seinem Konzept "Die unsichtbare Spur". Die Autoren hatten zuvor in einem Pitch innerhalb von fünf Minuten ihre Ideen einem Fachpublikum präsentiert.
Die hochkarätig besetzte Jury mit Barbara Thielen (Leiterin Abteilung fiction bei RTL), Sabine Groß (Redaktionsleiterin HR Fernsehspiel Reihen und Serien), Pim G. Richter (Autor und Vorstandsmitglied im Verband Deutscher Drehbuchautoren) sowie Kerstin Ramcke (Geschäftsführerin Studio Hamburg) und Stephan Ottenbruch (Produzent Life Entertainment) entschied sich für "Hannah und der Winterschläfer" aufgrund des am besten ausgearbeiteten Konzeptes, der außergewöhnlichen Figurenkonstellation, dem setting in Brandenburg und einer ungemeinen Poesie des Geheimnisses.
Weitere Informationen über:
www.tatort-eifel.de
Die MFG Filmförderung Baden-Württemberg schreibt bereits zum zwölften Mal ihre mit 25.000 Euro dotierte Auszeichnung für Drehbuchautoren aus. Minister Professor Dr. Wolfgang Reinhart wird den Thomas Strittmatter Preis im Rahmen der Berlinale 2010 verleihen. Bewerbungen sind bis zum 3. November 2009 möglich.
Eingereicht werden können Drehbücher aller Genres für einen abendfüllenden Spielfilm, die in deutscher Sprache verfasst sind, zum Zeitpunkt der Verleihung noch nicht verfilmt sein dürfen und keine Namen oder Copyright-Vermerke aufzeigen. Voraussetzung für eine Bewerbung ist entweder der Wohnsitz des Autors oder die eindeutige Lokalisierung der Handlung in Baden-Württemberg. Das Preisgeld ist gebunden an die Erstellung eines neuen Drehbuches, das den Richtlinien der MFG entspricht.
Eine Jury liest die Drehbücher anonym. Die Nominierten werden zur Preisverleihung im Rahmen der Berlinale 2010 eingeladen und erhalten bereits für die Nominierung ein Preisgeld.
Bewerbungsformulare und weitere Informationen sind bei der MFG Filmförderung erhältlich oder können unter www.mfg-filmfoerderung.de / Vergabeordnung /Anträge/ Drehbuchpreis_BW_Bewerbungsformular eingesehen werden. Bewerbungsschluss ist der 3. November 2009 (Eingang bei der MFG).
Der Erfolg der Podcast-Reihe des VDD hält weiter an. Nachfolgend die in den vergangenen Wochen freigeschalteten Gespräche:
Und ab Ende Oktober: "Der Fall Heinze und die Folgen"
Zu hören unter: www.stichwortdrehbuch.de
Drehbuchautor & VDD-Mitglied
1955 - 2009
Als ich Jürgen Ladenburger Anfang der Neunziger kennenlernte, schrieb er gerade an einem Drehbuch über das Leben Hansheinrich von Wolfs. Dieser faszinierend-verrückte Kolonialist hat sich Anfang des 20. Jahrhunderts eine deutsche Ritterburg in die namibische Wüste gebaut. Das Buch wurde leider nie produziert, genauso wenig wie ein Projekt, das in einer anderen Wüste spielt, nämlich in der Mojave Wüste: Für "Diablo Junction", geschrieben in den USA zusammen mit Tom Hammond, hatten schon Schauspieler wie Ray Wise zugesagt, und es stand immer mal wieder fast die Finanzierung. "Fast" - ein Wort, das in vielen Drehbuchkarrieren eine große Rolle spielt, auch in Jürgens. Das macht seinen Werdegang vielleicht typisch für einen Drehbuchautoren, wenn er auch sonst einmalig war.
Lesen Sie den gesamten Nachruf von Arne Sommer hier:
http://www.drehbuchautoren.de/?q=nachrichten/2009/10/nachruf-auf-j-rgen-...
Oktober 2009