Verband Deutscher Drehbuchautoren e.V. (VDD)

Fernsehpreisverleihung der Deutschen Akademie für Fernsehen - Ein Kommentar von Prof. Peter Henning, VDD Vorstand

Das deutsche Fernsehen kann es – wenn es denn will!!
Die Nominierten und PreisträgerInnen des Fernsehpreises der Deutschen Akademie für Fernsehen zeigen auf beeindruckende Weise wie Fernsehen auch heute noch aussehen kann. Ullrich Matthes hat es in seiner Dankesrede wunderbar gesagt, es war beglückend zu sehen, wozu wir alle zusammen fähig sind.
In der Spitze kann sich das viel gescholtene deutsche Fernsehprogramm mit dem hochgelobten, neuen Fernsehen aus aller Welt messen. Soweit die gute Nachricht.

Unbestritten war auf allen Panels des Symposiums allerdings, dass die deutschen Fernsehsender, gemessen an ihren Möglichkeiten, viel zu wenig in solche Programme investieren. Sie entstehen trotz der jährlich schrumpfenden Honorare für diejenigen, die diese Filme und Sendungen machen.

Typisch für die Struktur des öffentlich-rechtlichen Rundfunks ist, dass man, mit Christian Granderath, in zwei Paneldiskussionen, wieder ausgerechnet einen derjenigen antrifft, mit denen eben jenes, hier ausgezeichnetes, Programm immer noch entstehen kann, um dann auch noch gleich den Kopf für alle Verfehlungen hinhalten zu müssen.
Bezeichnend auch, wie er verteidigen muss, dass sein Sender einfach nicht mehr Programmmittel hat, obwohl wir alle wissen, das öffentlich-rechtliche Fernsehen könnte seine Mittel auch anders verteilen.
Wenn man etwa fragt, warum die Entwicklung neuer Formate und Drehbücher kaum finanziert werden, bekommt man die Antwort, dann müsse man ja einen Fernsehfilmetat für Entwicklung hergeben. Man müsse dann einen dieser ambitionierten Filme weniger machen und das sei doch schade und könne nicht im Interesse der Kreativen sein.
Der Gedanke, dass man dann eben die nötigen Etats erstreiten muss, um beides zu bekommen, scheint undenkbar.
Dabei wäre es ganz einfach: die Redaktionen der Sender verbünden sich mit den Kreativen, der Politik und dem über den reinen Unterhaltungszweck hinausdenkenden Publikum, anstatt die altbackene und ängstlich quotenhörige Formatierung ihrer Direktoren zu verteidigen. Dass sie ein aufregendes Programm machen können, wenn man sie denn lässt, hat man gestern gesehen.

Wenn man hört, dass das ZDF ein Drittel des Programmetats für Fußball ausgibt und sich damit die Quote für das entsprechende Halbjahr gewissermaßen kauft, kommt man nicht umhin, festzustellen, dass hier einiges schief läuft.
Sämtliche Argumente für eine solche Programmpolitik stammen aus einer Zeit, als es neben dem öffentlich-rechtlichen Fernsehen nichts anderes gab. Angesichts der allumfassenden Medienpräsenz ist der Anspruch, ein Vollprogramm aller möglichen Formate für den Gebührenzahler anbieten zu müssen, geradezu absurd.
Fußballübertragungen mit belanglosen Kommentaren ummantelt sollten nun wirklich nicht zur Kernkompetenz eines öffentlich-rechtlichen Fernsehens gehören.
Im Umkehrschluss kann man sagen, wenn das öffentlich-rechtliche Fernsehen als Maßstab ein dubioses kommerzielles Instrument, wie die rein mengenmäßige Quote bemühen muss, um seine Existenz zu rechtfertigen, sollte es auch die Gebühren zu einer freiwilligen Leistung der Zuschauer machen und sich damit dem schrillen Wettbewerb um die Gunst des Publikums marktschreierisch stellen.

Wenn es aber ein echtes öffentlich-rechtliches Fernsehen sein will, wie es, und davon bin ich fest überzeugt, die Mehrheit der Deutschen schätzt und akzeptiert, muss es einem gesellschaftlichen Zweck dienen. Es muss Relevant sein, darf auch die Minderheitsmeinung nicht scheuen, darf und muss polarisieren, um ein Motor gesellschaftlicher Debatten zu sein.

Die Älteren unter uns werden sich erinnern, dass es das schon einmal war und zwar in einer Zeit, als eine Vollversorgung mangels Alternativen sogar noch geboten war.

Aber was macht denn einen öffentlich-rechtlichen Rundfunk so besonders, damit wir ihn von dem Druck der Quote befreien?
Sorgfältig und zuverlässig recherchierte Nachrichten, Magazine, die den politischen und gesellschaftlichen Diskurs befördern, gerne auch in Form der tagesshow, Dokumentationen und relevante Fiktion, die sich traut, die Wirklichkeit in all ihren Dimensionen künstlerisch zu spiegeln.
All das, was wir gestern gesehen haben eben.

Ja, auch eine Fußball-WM gehört dazu, wie auch anderer Sport, bitte aber nicht als Quotenbeschaffer und Finanzier des kommerziellen Fußballzirkus.

Angesichts dieser Argumente schlägt der Fernsehverantwortliche die Hände über dem Kopf zusammen und fragt entsetzt, „ja aber was machen wir denn, wenn die Quote des öffentlich-rechtlichen Rundfunks nur noch drei Prozent beträgt? Ist das dann nicht erst recht ein Argument, ihn abzuschaffen?“

Das ist wiederum die Aufgabe der Politik, der Gesellschaft und all jener, die Fernsehen nicht allein dem Markt überlassen wollen. Wir wären dann in der Mithaftung. Wir alle müssten uns fragen, warum wir uns soweit von der Gesellschaft entfernt haben, dass sich keiner mehr für uns interessiert.

Es wäre wesentlich gesünder, sich dieser Herausforderung zu stellen, als sie mit allen Tricks zu vermeiden!
Dazu gehört auch dringend ein anderes Instrument für die Bemessung eines Programms als die Quote.
In der Zeit der unbegrenzt und weltweit zur Verfügung stehenden internationalen Programme, wird man um ein Alleinstellungsmerkmal nicht herum kommen, um auf sich aufmerksam zu machen, und das ist nun mal eine Sorgfalt und Qualität, wie sie nur das öffentlich-rechtliche Fernsehen mit seinen gewachsenen Strukturen kann.
Live-Übertragungen kann jeder.

Es wurde einmal mehr deutlich, dass es nicht der gute Wille der Beteiligten ist, der überfällige Reformen verhindert, sondern vor allem die unbeweglichen und antiquierten Entscheidungsstrukturen im öffentlich-rechtlichen Rundfunk.
Zu einer flexiblen und schnellen Neuausrichtung gehört auch ein Vertrauen in die Entscheidungs- und Entwicklungskompetenz der eigenen MitarbeiterInnen.
Da wo man den Entwicklern und Kreativen vertraut, entsteht preiswürdiges Programm.
Es könnte gut sein, dass dann auch eine Selbstverständlichkeit wie die gleiche Teilhabe von Frauen an der Produktion von Fernsehprogrammen entsprechend gefördert und umgesetzt wird. Wenn nicht, hilft wenigsten hier einmal eine Quote.
Die Behauptung, es gäbe zu wenige Frauen, um hier schnell andere Verhältnisse zu schaffen, müsste angesichts der vielen, seit Jahrzehnten gut ausgebildeten und erfolgreichen, Frauen erst einmal nachgewiesen werden.

Die Angst der Männer, dass die begehrten Regieplätze dann noch rarer werden und man angesichts einer großen Zahl an Nachwuchs-Filmschaffenden erst recht nicht mehr überleben kann, ist natürlich berechtigt.
Allerdings gilt das nur, wenn wir uns damit begnügen wollen, den Status Quo zu erhalten und nur in den engen Grenzen des derzeit bestehenden Fernsehmarktes verharren.
Dann sollten wir die Hälfte der Filmschulen schließen und einige in Frührente schicken. Wenn wir allerdings über den Tellerrand deutscher Garantieproduktion hinausschauen und aufbrechen, die neuen Möglichkeiten zu nutzen und den internationalen Markt zu erobern, dann haben wir in dem hohen Niveau unserer Filmschaffenden eine gute Basis.

Es ist das große Verdienst der Deutschen Akademie für Fernsehen, dass sie in ihren Symposien endlich die richtigen Fragen stellt. Mut zur, eben auch unbequemen, Meinung tut Not, auch wenn die Debatte manches mal über das Ziel hinaus schießt.

Es wäre schön, wenn sich auch die RedakteurInnen alle entschließen könnten, Mitglieder der Deutschen Akademie für Fernsehen zu werden, um eine lebendige, offene und mutige Debatte um die Zukunft des öffentlich-rechtlichen Rundfunks zu befördern.

Ach so, es wurde dann auch noch festgestellt, dass es das Internet gibt und man das Fernsehen in Zukunft gar nicht mehr braucht oder eben dort, unter neuen Bedingungen, stattfinden lassen muss.