Verband Deutscher Drehbuchautoren e.V. (VDD)

"Mein Urheberrecht kann ich nicht weggeben"

Urhebervertragsrecht erschwert Urhebern die digitale Verwertung

Interview von medienpolitik.net mit Jochen Greve, Drehbuchautor für Film und Fernsehen, VDD-Vorstandsmitglied.

Jochen Greve, „Tatort“-Autor und seit 1984 Verfasser zahlreicher Drehbücher für Fernsehfilme, wendet sich in einem medienpolitik.net-Interview vehement gegen die Forderung, ein Recht auf Remix einzuräumen. Damit ist die unerlaubte Nutzung von Ausschnitten aus Filmen, Musikstücken, Fotos, Texten usw. gemeint, die Online verbreitet werden, um daraus neue künstlerische Werke herzustellen. Solange, dass für einen rein privaten Zweck geschehe, hätte der Drehbuchautor keine Probleme,  aber wenn diese Remixe im großen Rahmen veröffentlicht werden und damit auch noch Geld verdient werden soll, dann sei es kein privates Hobby sondern eine kommerzielle Tätigkeit. Und dafür müssen Lizenzen erworben werden. Greve forderte in dem Interview auch eine Änderung des Urhebervertragsrechts, weil sich zum Beispiel bei unbekannten Nutzungsarten die Verwertungsmöglichkeiten für Autoren deutlich verschlechtert hat.

medienpolitik.net: Herr Greve, in letzter Zeit wird verstärkt ein Recht auf Remix gefordert, das heißt eine Reform der urheberrechtlichen Schrankenbestimmung und eine Ausdehnung von Zitatrechten. Ist es nicht angesichts der Nutzergewohnheiten eine realistische Notwendigkeit, wenn man sich dazu auch rechtlich bekennt?

Jochen Greve: Zunächst muss man fragen, wie groß diese Gruppe ist, die diese Remixe herstellt und wie wichtig das für die Entwicklung der Kunst ist. Es stellt sich zudem prinzipiell rechtspolitisch die Frage, ob man auf jede neu entstehende Kunstform sofort mit einer neuen Urheberrechtsänderung antworten muss. Denn viele neue Ausdrucksformen entstehen, vergehen und sind dann wieder verschwunden. Im Zeitalter des Internets passiert das immer schneller. Natürlich gibt es ein Recht darauf, Remixe herzustellen. Jeder kann das machen und das hat es auch vor dem Internet schon gegeben. Die entscheidende Frage ist, ob und wie diese Remixe veröffentlicht werden. Solange diese Veröffentlichung im privaten Rahmen geschieht, kann das jeder machen. Aber wenn diese Remixe im großen Rahmen veröffentlicht werden und damit auch noch Geld verdient werden soll, dann ist es nicht mehr ein privates Hobby sondern eine kommerzielle Tätigkeit. Und dafür müssen Lizenzen erworben werden. Mir stellt sich zudem die Frage, wenn man nur kreativ sein kann, indem man die kreative Werke anderer bearbeitet, warum soll man dann das Recht haben, deren Rechte einzuschränken? Wie Sie sehen, habe ich eine Menge Fragen, weil mir nicht ganz einleuchtet, warum für diese Remixe jetzt das Urheberrecht geändert werden muss.

medienpolitik.net: Ein Remix kann ein Anstoß sein, um kreativ zu werden und damit auch etwas Neues zu schaffen…

Jochen Greve: Das kann durchaus sein und natürlich bieten digitale Medien viele neue Möglichkeiten für Kreativität. Es ist nur die Frage, warum das rechtefrei gestellt werden muss, denn es gibt schließlich auch ein Zitatrecht. Wenn jemand mit meiner Arbeit kreativ ist, muss er auch auf meine Rechte Rücksicht nehmen und im Zweifelsfall, wenn er das Werk kommerziell auswertet, muss er dafür bezahlen. Ich glaube, dieser Wunsch nach Rechtefreistellung zielt auf etwas anderes ab, Plattformen wie Facebook oder YouTube mit kostenlosen Inhalten zu versorgen. Und hier ist die Frage: Warum fordern nicht diese Leute, die eine Rechtefreistellung der Remixe fordern, mit uns Künstlern zusammen, dass YouTube für Inhalte endlich anständig bezahlt? Denn YouTube macht mit diesen Inhalten, die auf seiner Website gezeigt werden, Gewinn und weigert sich bisher hartnäckig, uns an diesem Gewinn teilhaben zu lassen. Wenn es hier eine vernünftige Regelung gäbe, dass zum Beispiel YouTube eine Gebühr an die Künstler zahlt, deren Werke dort mit oder gegen ihren Willen eingestellt werden, dann könnten wir darüber reden, dass die Filme, wenn sie auf dieser Plattform stehen, rechtefrei und damit für diese Plattform erlaubt sind.

medienpolitik.net: Aber schadet die bestehende Rechtslage nicht auch Ihnen als Rechteinhaber, weil sie die Monetarisierung erschwert?

Jochen Greve: Das Urheberrecht ist ein komplexes Regelwerk, weil es viele Formen urheberrechtlicher Äußerung und Arbeit berücksichtigen muss. Und hierin gibt es einen Teil, der uns am meisten Sorge macht als Künstler: Das Urhebervertragsrecht, was seit der letzten Reform des Urheberrechts vor zehn Jahren für uns nur negative Konsequenzen hatte. Das Justizministerium ist damals davon ausgegangen ist, dass Kunst ein ähnlicher Bereich ist wie in anderen Teilen der Wirtschaft, das heißt, dass dort gleichberechtigte Partner aufeinandertreffen. Das ist aber im Kunstbereich kaum der Fall. Der Künstler ist in den seltensten Fällen so mächtig, dass er sich gegenüber den Verwertern seiner Kunst wirklich durchsetzen kann. Viele Regeln dieses Urhebervertragsrechts gehen von dieser falschen Voraussetzung aus, dass ich als Drehbuchautor gegenüber den Sendern meine Rechte durchsetzen könnte, so wie das Gewerkschaften gegenüber der Metallindustrie zum Beispiel tun. Das ist und war nie der Fall. Es gibt kein Verbandsklagerecht, wo Urhebervereinigungen gegen bestimmte Regeln klagen könnten. Es gibt Modifizierungen im Verwertungsgesellschaftsrecht, die dazu geführt haben, dass inzwischen nahezu jedes Zweitverwertungsrecht – nicht nur im audiovisuellen Bereich – bis vor die höchsten Gerichte durchgeklagt werden muss, weil die Industrie nicht mehr freiwillig zahlt.

medienpolitik.net: Können Sie bitte ein Beispiel nennen, wo sich Ihre Situation verschlechtert hat?

Jochen Greve: Ein Beispiel sind die unbekannten Nutzungsarten. Früher konnte man Nutzungen, die noch nicht erfunden oder bekannt waren, nicht abtreten. Seit der letzten Urheberrechtsnovelle muss ich sie an den Hauptnutzer, in der Regel ein Produzent oder Sender abtreten, ohne zu wissen, was ich da eigentlich abtrete und was das in Zukunft für eine wirtschaftliche Bedeutung bekommen könnte. Der Gesetzgeber geht davon aus, dass man irgendwann später eine vernünftige Regelung für einen finanziellen Ausgleich finden könne. In der Praxis ist das aber illusorisch, denn eine Seite ist immer viel stärker und kann die Bedingungen diktieren. Konkret gilt das zum Beispiel für das Internet. Weil man die unbekannten Nutzungsarten seit fast zehn Jahren abtreten muss, gelingt es kaum noch, für die Internetnutzung, die ja erst richtig in den letzten Jahren aufgekommen ist, angemessene Beteiligungen auszuhandeln. Gerade die öffentlich-rechtlichen Sender stellen sich gerne mal auf den Standpunkt, Internetausstrahlungen gehören zu ihrem Sendeauftrag, und der ist frei, also kriegt der Urheber auch nichts. Früher, als Rechte für unbekannte Nutzungsarten noch beim Urheber lagen, musste verhandelt werden, damit die Verwerter zum Beispiel die Videorechte bekommen konnten. Da waren wir Autoren gleichberechtigt, denn die Verwerter wollten etwas haben, was sie noch nicht besaßen. Heute besitzen sie es und ich muss betteln, damit sie vielleicht etwas dafür bezahlen. Hier hat eine Umkehrung der Rechtesituation zuungunsten der Kreativen stattgefunden. Es wird über vieles im Urheberrecht geredet, aber kaum über den wirklichen Kern für uns als Künstler, wie wir unser Geld damit verdienen können. Insofern sind wir sehr misstrauisch gegenüber allen weiteren Änderungen, weil alle Vereinfachungen des Urheberrechts in den letzten 20 Jahren immer wieder dazu geführt haben, dass wir am Ende noch weniger Möglichkeiten hatten, unsere Arbeit zu monetarisieren.

medienpolitik.net: Warum verzichten Sie auf das Nutzungsrecht für unbekannte Verwertung?

Jochen Greve: Weil ich das laut Gesetz muss. Und dann ist es so, um mal ein etwas krasses Bild zu benutzen, wie bei der Geschichte mit dem Dieb, der Sie beklaut und mit dem Sie auf der Straße diskutieren sollen, ob er Ihnen von Ihrem Eigentum wieder etwas zurückgibt.

medienpolitik.net: Was müsste bei einer Novellierung des Urhebervertragsrechts aus Ihrer Sicht vor allem an dem bisherigen Gesetz verändert werden, um die Situation der Kreativen zu verbessern?

Jochen Greve: Da gibt es einiges. Es müsste zunächst, was auch ursprünglich vorgesehen war, evaluiert werden, welche positiven und negativen Folgen die letzten Gesetzesnovellierungen hatten. Ein Beispiel: Das Urhebervertragsrecht geht davon aus, dass Verbände von Kreativen mit den Verwertern gemeinsame Vergütungsregeln abschließen sollen. Das ist prinzipiell in Ordnung, aber in der Praxis ein großes Problem. Nur wenige Urheberverbände haben das in den letzten zehn Jahren wirklich geschafft. Wenn man sich am Ende langer Verhandlungen nicht einigt, kann man zwar eine Schlichtung anrufen, diese Schlichtung kostet aber für die Beteiligten viel Geld. So viel, dass es der Deutsche Drehbuchverband mit knapp 500 Mitgliedern zum Beispiel nicht bezahlen könnte. Und wenn diese Schlichtung dann zu einem Ergebnis kommt, ist die wiederum nicht bindend, und es gibt kein Gericht, das man anschließend anrufen könnte. Sie sehen, diese Regelungen sind praktisch sinnlos.

medienpolitik.net: Probleme bereitet Ihnen auch das Zweitverwertungsrecht…

Jochen Greve: Ja, hier liegt sehr viel im Argen. So gab es zum Beispiel früher festgelegte Tarife, welche Kopiermedien welche Preise hatten. Heutzutage geht man davon aus, dass der Tarif in einem freien Wettbewerb zwischen der Industrie und den Kreativvertretern ausgehandelt werden kann. In der Praxis führt das dazu, dass fast jeder Tarif bis vor die obersten Gerichte durch Klagen ausverhandelt werden muss. Dieser Prozess kann sich über Jahre ziehen und kostet Hunderttausende von Euro, die im Endeffekt wieder von den Kreativen bezahlt werden müssen, ganz egal, wie der Fall ausgeht. Es ist schon mehrfach vorgekommen, dass die Verwertungsgesellschaften am Ende siegen, weil es einen Rechtsanspruch auf die Zahlung dieser Zweitverwertungsrechte gibt. Und dann ist das Unternehmen, das verklagt wurde, im selben Augenblick bankrott, weil nie Rückstellungen gebildet wurden. So fordern wir zum Beispiel zusammen mit den Verwertungsgesellschaften eine Rückstellungspflicht – wenigstens auf der Grundlage, der vorher bestandenen und nicht bestrittenen alten Tarife.

medienpolitik.net: Sie erhalten als Drehbuchautor ein festes Honorar. Dann kann Ihnen doch eigentlich egal sein, ob jemand aus einem Fernsehfilm, für den Sie das Drehbuch geschrieben haben, Sequenzen für ein Remix verwendet. Sie haben doch keinen Schaden?

Jochen Greve: Noch ist der Schaden bei reinen Fernsehfilmen begrenzt, vorausgesetzt sie werden nicht auch im Kino oder auf DVD ausgewertet. Doch das Fernsehverhalten und die Distribution von Fernsehfilmen ändern sich dramatisch. Video-on-Demand-Plattformen oder Mediatheken nehmen schnell an Bedeutung zu. Damit ändern sich die Verwertungen unserer Werke und theoretisch auch unsere Einnahmemöglichkeiten. Aber wir können daran nur partizipieren, wenn wir in diesem Bereich auch Rechte haben und Möglichkeiten, sie durchzusetzen. Und wenn unsere Werke nicht einfach geklaut werden.
Es gibt da immer ein großes Missverständnis. Viele Nutzer glauben, wir werden für unsere Bücher oder für unsere Musik so bezahlt, wie der Schreiner für seine Tische. Aber das stimmt nicht. Ich verkaufe nicht mein Drehbuch oder meine Musik, sondern rechtlich vergebe ich Lizenzen. Mein Urheberrecht kann ich nicht weggeben, es bleibt immer bei mir als Urheber. Ich kann nur Lizenzen zur Nutzung für bestimmte Nutzungsarten verkaufen. Aber in dem Augenblick, in dem bestimmte Nutzungsarten rechtefrei gestellt werden, zum Beispiel dadurch, dass man Kopien oder unendlich viele Remixe anfertigen darf, ohne dafür bezahlen zu müssen, ist das kein Recht mehr, wofür ich eine Lizenz vergeben kann. Das heißt, meine Auftraggeber – die Produzenten oder die Sender, für die ich arbeite – werden mir dafür dann auch nichts mehr bezahlen, denn sie sind ja keine Altruisten, die mich vergüten, weil ich so nett bin. Sondern sie bezahlen nur für das, was ihnen rechtlich vorgeschrieben ist. Die Vorstellung, ich würde mein Buch zum Beispiel für einen „Tatort“ mit Gebührengeldern bezahlt bekommen, ist eine nicht ganz richtige Vorstellung des Urheberrechts. Ich werde nicht für das Schreiben dieses Buches bezahlt, sondern für die Lizenz, dass der Sender daraus einen Film machen darf. Und je mehr Nutzungsarten dem Urheberrecht unterliegen und nicht in ihrer Nutzung frei sind, umso mehr kann ich als Urheber theoretisch daran beteiligt werden. In der Praxis versuchen die Sender aber immer wenig zu bezahlen. Die Inflationsrate der letzten zwei Jahrzehnte beträgt über 20 Prozent. Die Steigerung der Honorare der Drehbuchautoren im selben Zeitraum liegt aber nur bei fünf bis sechs Prozent. Sie sehen, unsere Arbeit wird schon jetzt immer schlechter bezahlt.

Der Beitrag wurde in der promedia-Ausgabe Nr. 10/2013 erstveröffentlicht.

Mit freundlicher Genehmigung vom promedia Verlag.

http://www.medienpolitik.net/2013/09/urheberrechtmein-urheberrecht-kann-ich-nicht-weggeben/