Verband Deutscher Drehbuchautoren e.V. (VDD)

Piraten: auslaufen zum kentern! Gedanken zum siebenjährigen Geburtstag einer Partei - ein Interview von Christine Otto mit Uwe Wilhelm

Uwe Wilhelm und Christine Otto sind Drehbuchautoren. Er ist seit 2012 Mitglied bei den Piraten, sie hat sich gefragt, warum der Kollege ausgerechnet in eine künstlerfeindliche Partei eintritt, die mit ihren gefährlichen Forderungen zum Urheberrecht monatelang die Gemüter erhitzte. Ist das eine neue Art von Autorenexzentrik oder eine besonders intensive Recherchemöglichkeit?

Drehbuchautoren sind hierzulande ja nicht gerade dafür bekannt, durch politisch motivierte Aktionen hervorzutreten. Zu sehr zermürbt der tägliche Überlebenskampf, zu frustrierend ist der Versuch, politisch brisante Themen bei Produzenten und Sendern zu platzieren. Das scheitert viel zu oft an dem Hinweis, Politik und Fiktion vertrage sich nicht. Formate die mit großem Erfolg das Gegenteil beweisen, wie etwa „West Wing“, „Borgen“, „Newsroom“ oder „Hatufim“ kommen deshalb aus anderen Ländern.

Doch wie immer bestätigen Ausnahmen die Regel. Uwe Wilhelm schreibt aktuell an einem Drehbuch über die Piraten. „Phönix in der Asche“ soll eine Komödie werden, ein Produzent ist bereits an Bord, ein Sender in Sicht. Material hat Uwe Wilhelm genug gesammelt, über seine Zeit bei den Piraten hat er ein bissiges Insiderbuch geschrieben. Zu seiner großen Verblüffung haben die Piraten ihn immer noch nicht aus der Partei geschmissen.

CO: In den Umfragen zur Bundestagswahl 2013 geht es nur noch um schwarz, rot, grün und gelb. Die Piraten dümpeln bei weniger als 3 % herum. Ärgert dich diese Entwicklung im Hinblick auf das Interesse an deinem Buch?

UW: Da bin ich zwiegespalten. Zum einen will ich auf keinen Fall, dass die Piraten in den Bundestag kommen. Das war ja der Anlass in die Partei einzutreten und dann dieses Buch zu schreiben. Zum anderen fände ich es natürlich besser, wenn die Piraten bei 4,9 % wären und man sich täglich fragen würde: Schaffen sie es oder schaffen sie es nicht? Das wäre ein gelungener Spannungsbogen, von dieser Aufmerksamkeit würde mein Buch profitieren.

CO: Du bist eingetreten um innerhalb der Partie für ein gerechtes Urheberrecht zu kämpfen. Hand aufs Herz! Hattest Du jemals wirklich Angst um unser Urheberrecht, oder war da auch aufgeregte Koketterie dabei, sich als tapferer Autor in die Höhle des Löwen zu begeben?

UW: Als ich eingetreten bin, segelten die Piraten auf einer Erfolgswelle. 13 %! Da habe ich mir tatsächlich Sorgen gemacht, dass sie eines nicht so fernen Tages Koalitionspartner der SPD und der Grünen werden und dann tatsächlich ihre Ideen zum Urheberrecht durchsetzen.

CO: Ich habe nicht den Eindruck, dass die Piraten überzeugende Ideen zum Urheberrecht haben. „Nieder mit der Content Mafia“ und „jeder hat ein Recht auf eine Privatkopie“ sind doch recht unausgegorene Forderungen. Sie bedienen eine Klientel, die allen Ernstes behauptet es wäre ein Menschenrecht Musik, Filme und Bücher aus dem Netz herunter zu laden ohne dafür zu bezahlen.

UW: Was der FDP ihre Hotelbesitzer, sind den Piraten ihre Nerds. Doch das Urheberrecht ist ja nicht erst seit den Piraten in Gefahr. Das illegale Filesharing ist für Autoren und Musiker existenzbedrohend. Vorschläge, das Urheberrecht an die technischen Bedingungen der Neuzeit anzupassen, stehen mittlerweile auf der Agenda aller Parteien. Was mich allerdings verblüfft hat war die Tatsache, dass eine Partei, die ihr Selbstverständnis aus der digitalen Welt ableitet, überhaupt keine einheitliche Meinung zum Urheberrecht hat. Christopher Lauer, der mittlerweile zurück getretene Fraktionschef der Berliner Piraten, veröffentlichte erst am 4. September 2012 einen Entwurf. Der fiel der Basis zu leicht aus und Lauer wurde auf Twitter übelst gebashed (so nennt man die digitale Beschimpfung, die meist anonym erfolgt und deshalb auch gerne verbal entgleist.)

CO: Die Piraten kennzeichnet eine gewisse Rücksichtslosigkeit gegenüber Menschen, die mit ihrer Kreativität Geld verdienen müssen. Wie bewertest du dieses Phänomen?

UW: Als Privileg der Jugend. Was früher Punk war ist jetzt das illegale Filesharing. Künstler sind Spießer! Bürgerliche Idioten, die tatsächlich mit ihrer Arbeit Geld verdienen wollen. Da heutzutage die Jugend nicht mehr mit 17, 18 Jahren endet, sondern bei einigen Menschen bis 35 geht, ist diese unreflektierte Weltsicht ein durchaus einleuchtendes Phänomen. Man ist hemmungslos ignorant gegenüber den Bedürfnissen anderer Menschen und betrachtet das als Privileg. Was interessanter Weise nur solange gilt, bis der gemeine Pirat oder die gemeine Piratin selber schriftstellerisch tätig wird. Da hatte dann eine Julia Schramm keine Skrupel für ihr Buch „klick mich“ fette Vorschüsse einzusacken und das auch noch damit zu rechtfertigen, dass sie ihre Existenz sichern müsse. Politisch war sie danach gestorben, was allerdings für die Partei keinen großen Verlust darstellte.

CO: Aber wer redet heute noch von Schramm, Ponader, Weisband, Kramm, Lauer? Das sind doch Aufreger der Vergangenheit mit denen man keine Wahl gewinnt.

UW: Zumal mittlerweile auch dem letzten Piraten klar geworden zu sein scheint, dass es unklug ist, sich mit der kreativen Intelligenz einen ganzen Landes anzulegen. Doch mit dem Thema Urheberrecht ist sowieso kein Blumentopf mehr zu gewinnen.

CO: Dafür erhitzt der NSA Skandal die deutschen Gemüter. Das ist doch ein ureigenstes Piratenthema, hier können die digitalen Eingeborenen doch mit Wissen trumpfen.

UW: Die NSA und die Piraten, das ist ein Treppenwitz der Geschichte. Oskarpreisträger Aaron Sorkin spricht bereits in seiner ab 2011 produzierten Serie „Newsroom“ davon, dass die NSA im großen Stil Daten abgreift, alles abhört und mitliest. Edward Snowden hat Jahre später bewiesen, was Sorkin längst fiktionalisiert hat. Und die Piraten wurden, genau wie die anderen Parteien, von Snowdens Enthüllungen überrascht. Was für eine Blamage!

CO: Womit der Beweis angetreten wäre: Drehbuchautoren sind schlau.

UW: Nicht nur das. Die Piraten dachten, sie seien die Herren des Netzes, nur sie können illegal downloaden, bis die Festplatte glüht. Entsetzt mussten sie feststellen, dass der der Staat schon lange macht, worauf sie meinen ein Recht zu haben: den massenhaften Datenzugriff. Der Alleinvertretungsanspruch für Illegalität im Netz liegt nicht mehr bei den Piraten. Den müssen sie sich mit den Geheimdiensten und dem Staat teilen. Was für eine Ironie. Und wenn Edward Snowden dem gemeinen Bürger das Internet erklärt, wer braucht da noch Bernd Schlömer?

CO: Und was ist mit Uwe Wilhelm? Du wolltest Rabatz machen, Aufmerksamkeit erregen, im Licht der Öffentlichkeit stehen. War das aufregend?

UW: Von wegen. Als ich zu meinem ersten Crew Meeting gefahren bin (in anderen Parteien heißt das Treffen des Ortsgruppenverbandes) und mich dort nicht nur als Drehbuchautor, sondern auch noch als Mitunterzeichner des Tatort-Aufrufs geoutet habe, habe ich wütende Reaktionen erwartet. Aber es ist überhaupt nichts passiert. Man wollte eigentlich nur wissen, was man als Autor so können muss und wie viel man verdienen kann.

CO: Dann konntest du dich also unbehelligt von Shitstorms und Bashings in die Parteistrukturen einarbeiten. Du hast sogar für den Berliner Landesvorsitz kandidiert. Warum?

UW: Ich hatte einen einzigen Programmpunkt. Der hieß: Piraten raus aus den Parlamenten! Piraten haben dort nichts verloren. Sie gehören in die APO, um von da aus der etablierten Politik schmerzhafte Stiche zuzufügen. Das war und ist meine Überzeugung. Doch nicht mal 5 % der Basis stimmte mir zu. Ich bin also grandios gescheitert.

CO: Da sind die Fleischtöpfe der Macht wohl doch zu verführerisch, als dass man freiwillig auf sie verzichtet. Deine bittere Erkenntnis heute: Die Piraten entern nicht die Parlamente, sondern die Parlamente entnern die Piraten.

UW: Genau so ist es. Piraten werden genauso korrumpiert wie andere Politiker auch, sie machen sich genauso unglaubwürdig. Ganz unverhohlen haben mir einige gesagt, dass sie im Abgeordnetenhaus endlich finanziell versorgt sein wollen. So banal ist das. Schade ist es um die Crewmitglieder, ich habe großartige Menschen mit Idealen kennen gelernt, die auf der Suche nach einer ernstzunehmenden politischen Heimat sind.

CO: Sind die Chefpiraten wirklich alle machtgeiler Spinner, vernetzte Autisten, Ignoranten, Realitätsverweigerer, Egoisten und Neider, die beherrscht von autoritären Zwangsneurosen eine Symphonie des Grauens aufführen? Diese Beschreibungen stammen nicht von mir, sie sind alle aus deinem Buch.

UW: Wenn du das so hintereinander aufzählst, klingt es so, als hätte ich einige Monate in der Psychiatrie verbracht. Es war nicht ganz so, denn die erklärenden Sätze fehlen. Doch nichtsdestotrotz ist es bei den Piraten so, dass sich in der Leitungsebene, dort wo sich Menschen anmaßen, diesen chaotischen Haufen von Nerds zu führen, unverhohlene Machtinteressen bündeln. Leider sind das Menschen, die vollkommen unfähig sind, zum Wohl der Gesellschaft zu agieren.

CO: Schade um die Ideen. Denn es ist doch eine Aufgabe des 21. Jahrhunderts, die Energie des Internets in politische Aktion umzusetzen.

UW: Absolut! Die Zukunft der Politik liegt viel stärker im Netz, als wir uns das heute vorstellen können. Die zweite Kommunikationsrevolution nach der Erfindung des Buchdrucks ist im vollen Gange. Piraten kommunizieren ausschließlich über das Netz. Da sind sie kompetent und Teil einer globalen Bewegung. Snowden, WikiLeaks, Chelsea Manning, NSA, immer mehr weltpolitisch relevante Dinge passieren im und durch das Netz. Aber die Menschen, die das initiieren haben nichts, aber auch gar nichts in den Parlamenten zu suchen. Das ist die riesige Fehleinschätzung piratischer Existenz. Ich wiederhole es noch mal: Freibeuter gehören nicht in die Kapitänsmesse!

CO: Die Möglichkeit sich zu vernetzen ist heute leichter als jemals zuvor. Die Gefahren aber auch. Du charakterisierst die Liquid-Democracy-Software „LiquidFeedback“ als Bürokratie- und Kommunikationsmonster.

UW: Nicht nur das. LiquidFeedback ist auch zutiefst undemokratisch. Die Hausmeister des Netzes, als die sich die Piraten verstehen, propagieren, dass sich jeder zu jedem Vorgang äußern kann. Doch heraus kommt eine Domestizierung des Netzes unter der Oberaufsicht der Chefpiraten. LiquidFeedback ist nichts weiter als ein Flaschenhals.

CO: Und das Feedback auf dein Buch?
UW: Man ignoriert mich. Eigentlich das schlimmste, was einem Autor passieren kann.

CO: Dann teilst du das gleiche Schicksal mit den Piraten.
UW: Das ist ein kleiner Trost. Aber immerhin ist das Urheberrecht nicht mehr in Gefahr.
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"Piraten - Auslaufen zum Kentern!
Wie man eine Partei erfolgreich versenkt"
von Uwe Wilhelm:
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