Verband Deutscher Drehbuchautoren e.V. (VDD)

Welcome to the real world!

Der VDD-Vorstand begrüßt neue Mitglieder und kommentiert die Kontroverse mit der Initiative Norau:

Welcome to the real world!

Warum „Norau“ falsch liegt – und warum der VDD die neuen Mitglieder trotzdem gerne aufnimmt.

Liebe Kolleginnen und Kollegen, liebe Freunde,

der Verband deutscher Drehbuchautoren wird größer. Wir nehmen in diesen Tagen etwa einhundert neue Mitglieder auf, von denen sich die meisten unter dem charmanten Brandstifter-Label der „Norau“-Initiative versammelt haben. Wir begrüßen großartige Kolleginnen und Kollegen und freuen uns über das Plus an Kreativität und Erfahrung – der Vorstand ist zuversichtlich, dass sich das Feuer sinnvoll nutzen lässt.

Um nicht stattdessen die Zeit mit Löscharbeiten im eigenen Laden zu verplempern, wollen wir ein paar Behauptungen richtig stellen, die als Norau-Slogans durch die Diskussion züngeln. Nach vielen persönlichen Gesprächen mit den neuen Mitgliedern – die wir auf den jours fixes an den verschiedenen Standorten ausdrücklich fortsetzen wollen – sind wir zwar überzeugt, dass die meisten aus der richtigen Erkenntnis beitreten, dass wir nur gemeinsam stark sind. Dennoch kann es nicht schaden, unsere Position und die in den vergangenen Jahren gemeinsamer Vorstandsarbeit gewonnenen Erkenntnisse noch einmal zu verdeutlichen.

Der deutsche Fernsehmarkt, einer der größten der Welt und doch durch die Sprache viel enger begrenzt als der amerikanische, bietet Kreativen vielfach immer noch gute Bedingungen. Allerdings: Während HBO & Co erkannt haben, dass der entscheidende Faktor für erfolgreiches Erzählfernsehen der Autor ist, floss die Innovationskraft der deutschen „Player“ in der letzten Zeit eher in die Finanzierung des eigenen Apparats. Mit großem Aufwand wurde sichergestellt, dass die öffentlich-rechtlichen Sender auch weiterhin zu den reichsten der Welt gehören. Gleichzeitig scheint der künstlerische Ehrgeiz auf der Strecke zu bleiben. Der Anspruch, auch weiterhin „das beste Fernsehen der Welt“ zu machen, ist bisher über Absichtsbekundungen kaum hinaus gekommen.

Aber es ist unser Fernsehen, Kollegen! Wie bringen wir diese Riesentanker dazu, nicht mehr auf Kostensenkung zu schielen, sondern auf innovatives Erzählen zu setzen? Entscheidend ist, als Autorenverband immer wieder darauf hinzuweisen, dass Honorare und Qualität im Zusammenhang stehen. Wir müssen daher über die reinen Zahlenverhandlungen hinaus wieder in eine offene Diskussion über die Programmgestaltung eintreten und haben zu diesem Zweck Christine Strobl, die neue Degeto-Chefin, im September zum Kamingespräch und Gedankenaustausch mit den VDD-Mitgliedern eingeladen. Eine Einladung an Norbert Himmler, den neuen Programmchef des ZDF, folgt in Kürze. Die Gespräche mit Verantwortlichen werden wir fortsetzen.

Klar ist, dass alle Gespräche und Verhandlungen einen langen Atem und Kenntnis der Branche brauchen. Übrigens auch die Kenntnis unserer bisherigen Abschlüsse, die bei aller Aufregung wohl nur von den wenigsten wirklich gelesen wurden. Die gezielten Fehlinformationen seitens des ZDF und der Produzentenallianz haben viel Porzellan zerschlagen; wahr bleibt aber, dass der ZDF-Abschluss, wenn er denn richtig angewandt wird, für viele, gerade junge Kollegen durchaus finanzielle Vorteile und rechtliche Absicherung bietet.

Dennoch bleiben dicke Bretter zu bohren: Die Anmahnung der Einhaltung des Vertragstextes nach Wort und Geist, Evaluierung nach sinnvoller Frist (statt, wie von „Norau“ gefordert, wildbewegter Kündigung und nachträglicher Beratung in der Etappe, was denn vielleicht mal so als nächstes kommen könnte), vor allem aber auch die von uns angestrebte Wechselwirkung zwischen mehreren Abschlüssen. Wenn es z.B. gelänge, die Sendergruppe Pro7 Sat1 zur Zahlung eines höheren Grundhonorars (bei offener Höchstgrenze für die Erfolgsautoren) und deutlich besseren Gesamtbedingungen zu bewegen, hätte dies Auswirkungen auf die nächste Verhandlungsrunde mit dem ZDF, das sich dann in keinem Punkt auf angebliche hausinterne Zwänge oder Marktbedingungen zurückziehen könnte. Die angemessene Vergütung wird durch Verhandlungen mit allen Marktteilnehmern erreicht werden. Wir stimmen uns zu diesem Zweck inzwischen enger denn je mit unseren Partnerverbänden BVR (Regie) und BFFS (Schauspieler) ab.

Die Musterprozesse, mit denen Claus Hant nebst anderen ihre Ansprüche durchsetzen wollen, haben zweifellos die Bereitschaft der Sender zu Gesprächen über angemessene Vergütung immens gesteigert, womöglich sogar überhaupt erst hergestellt. Dafür ist ihnen zu danken. Dennoch muss eins ganz klar gesagt werden: Selbst der Idealfall einer gerichtlichen Bestätigung dieser Ansprüche ist erst einmal nur die Lösung eines Konflikts von zwei Parteien – jeder Kollege, der dann Ähnliches für sich erreichen möchte, muss auch einen ähnlichen Weg gehen, und der heißt: Klage durch alle Instanzen gegen einen finanziell überlegenen Gegner.

Dies ist der Grund, warum wir den Weg der Verbandsverhandlung für alle Kollegen (ja, auch für die nicht organisierten) vorziehen. Noch einmal muss hier der falschen Behauptung von Hant entgegengetreten werden, der jetzige Vorstand sei „sendernah“ und könne die Bedeutung der Musterprozesse nicht erkennen. Gerade weil er sie erkannt hat, hat der Vorstand sofort abgebrochen, als Pro7 Sat1 versucht hat, bereits aus Vorgesprächen vor Gericht Kapital zu schlagen. Dass der Sender jetzt sein Ziel durch Abschlüsse mit Regisseuren und Schauspielern erreicht, die als Norm herangezogen werden könnten, wäre Ironie der Geschichte. Sie zeigt, dass wir Autoren vor diesen Fragen nicht einfach abtauchen und uns mit uns selbst beschäftigen können.

Die Forderung der Norau-Initiative, alle künftigen Verhandlungen den Juristen zu überlassen, teilt der amtierende Vorstand ausdrücklich nicht – ganz zu schweigen von der Milchmädchenrechnung, gleichzeitig die Beiträge senken und teure Topjuristen zu Geschäftsführern machen zu wollen. Erstens haben wir mit unserem Justiziar Professor Paul Hertin bereits jetzt einen der anerkannt besten Urheberrechtler Deutschlands an Bord, der alle unsere Entscheidungen begleitet. Und zweitens: Schreibende Vorstände gehen zwar als Ehrenamtliche oft an die Grenzen der Belastbarkeit, haben aber den Vorteil eines professionellen Blicks auf die Bedingungen des Schreibens und des Marktes – Eigenschaften, die in den letzten Jahren unserer Vorstandstätigkeit verstärkt von Institutionen wie dem BKM und der FFA angefragt und genutzt wurden. Dass der wichtigste deutsche Filmförderer nicht nur eine Drehbuchkommission unter VDD-Leitung tagen lässt, sondern endlich auch einen von uns und unseren Partnerverbänden entsandten Kreativen ins Präsidium aufnimmt, ist geduldiger Arbeit von Geschäftsführung und Vorstand zu verdanken. Die von uns aufgebauten Netzwerke und Strukturen können so schlecht nicht sein, wenn man sie entern will – dennoch besteht die Gefahr, über Jahre von der Geschäftsstelle und den Vorständen aufgebautes Vertrauen sehr schnell zu verspielen.

Es ist schlechte deutsche Tradition, mit Revoluzzer-Gestus Institutionen zu stürmen, bestehende Erfolge kurz und klein zu hacken und am nächsten Morgen verkatert festzustellen, dass man jetzt ja selbst die Arbeit machen muss. Auch dem VDD ist dies schon mehrfach passiert und er hat jedes Mal Jahre gebraucht, um sich wieder als ernst zu nehmender Gesprächspartner in der Branche aufzustellen. Riskieren wir im Sinne unserer Sache nicht das Spektakel eines sich selbst zerlegenden Haufens streitsüchtiger Schreiber, über das sich allenfalls unsere Gegner freuen.

Willkommen, neue Kolleginnen und Kollegen – Euer Entschluss, Eure Stimme solidarisch mit einzubringen, freut uns!

Für den Vorstand: Sebastian Andrae