Verband Deutscher Drehbuchautoren e.V. (VDD)

Super-Gau

Anlässlich des Münchner Filmfestes fand am 5.7.2013 im Institut für Urheber- und Medienrecht das XXVII Münchner Symposion zum Film- und Fernsehrecht mit dem Titel „Modelle kollektiver Beteiligungsregelungen in der Filmverwertung“ statt.

Teilnehmer und VDD-Vorstand Dr. Knut Boeser hat sein mündliches Referat hier kurz zusammengefasst:

Ich habe mich zunächst für die freundliche Einladung bedankt.
Dann habe ich mit einem persönlichen Beispiel begonnen.
Am Wochenende zuvor waren zwei Filme von mir zum wiederholten Mal wiederholt worden – einer in der ARD, einer auf 3sat. Von beiden Filmen gibt es DVDs. Insgesamt gibt es von mir 53 (in Worten: dreiundfünfzig) Filme auf DVD. Das sind ARD-, ZDF-, Sat1-, ORF- und Warner Brothers Filme – und das sind natürlich alles sehr ehrenwerte Firmen, von deren leitenden Mitarbeitern einige an dieser Konferenz teilnehmen und hier im Raum sitzen. Denen möchte ich sagen, dass es für keinen einzigen Film einen Vertrag mit mir gibt, dass niemand für keinen einzige DVD bislang irgendetwas gezahlt hat, dass ich bislang von niemandem vor Erscheinen der DVD benachrichtigt wurde, dass es diese DVD geben würde, dass ich von niemandem ohne ausdrückliche, wiederholte Anfrage und Anmahnung auch nur eine Beleg-DVD bekommen hätte. Und dass es so wie mir allen Kollegen geht. Ihre Filme werden auf DVD vertrieben. Sie werden daran nicht beteiligt. Und das ist natürlich vollkommen unmöglich. Vor allem ist es unmöglich, weil in dem Vertrag zwischen dem VDD, dem ZDF und der Produzenten Allianz geregelt ist, dass Autoren an Verkäufen zu beteiligen sind - das ist aber bislang nicht geschehen, auch wenn die DVDs nach Vertragsabschluss erschienen sind.

Das beste Modell nutzt nichts, wenn es nicht nach Geist und Buchstaben umgesetzt wird. Der VDD hat viele Jahre mit dem ZDF und der Produzentenallianz verhandelt, wir haben den Vertrag mit ausdrücklicher Billigung der Mehrheit der Mitglieder des Verbandes auf der Mitgliederversammlung im Februar 2012 dann unterschreiben können. Wir sind davon ausgegangen, dass wir für viele Kollegen eine gute und solide Basis für die weitere Zusammenarbeit und für weitere Verhandlungen geschaffen haben.
Was allerdings danach geschah, kann man nur als Super-Gau bezeichnen – und zwar als einen Super-Gau ohne Not.
Ich habe das zunächst als Vermittlungsproblem und Anlaufschwierigkeit sehen wollen. Viele Kollegen haben dafür andere, sehr viel dramatischere und sehr viel weniger freundliche Worte gefunden.
Was war passiert? Zum Beispiel sind an die Produzenten falsche Informationen herausgegangen, auch hat es Wochen gedauert, bis im ZDF selber die Redakteure über den Abschluss des Vertrages detailliert informiert waren.
Eine der falschen Informationen war, dass das ausgehandelte Grundhonorar jetzt plötzlich das Höchsthonorar sein sollte – und dann wurden plötzlich einer Vielzahl von renommierten Kollegen, die erfolgreiche Filme geschrieben hatten, die Grimme- und Goldene Kamera- Preisträger sind, die großes Ansehen in der Branche genießen, Verträge angeboten, die man nur als eine Beleidigung verstehen kann. Das hat zu einer großen Verstimmung geführt. Es hat viel Zeit gebraucht, die falschen Anweisungen zu korrigieren, was aber sehr viel mehr Zeit brauchen wird, ist, das Vertrauen wieder herzustellen. Denn jetzt gibt es erst einmal Misstrauen und Missbilligung und Verstimmung – und das mit vollem Recht, denn es ist nicht nachzuvollziehen, aus welchem Grunde es denn monatelang falsche Informationen an die einzelnen Produzenten, die die Verträge mit den Autoren abzuschließen haben, gab. Wir sind noch immer in den Nachverhandlungen, die eigentlich nur das klarstellen, was vom ersten Tag nach der Unterschrift hätte klar sein müssen.

Ich wollte die Zuhörer dann nicht mit allzu vielen Details langweilen. Alle, ich nenne es noch immer: Missverständnisse werden wir mit dem ZDF und der Produzentenallianz ausräumen. Und ich bin zuversichtlich, dass uns das auch gelingen wird.

Ich habe dann kurz beschrieben, wie denn die Vereinbarungen mit dem ZDF und der Produzentenallianz aussehen. Denn da gibt es auch noch einen großen Informationsbedarf – auch bei unseren Mitgliedern. Es ist nämlich bei all den Misstönen in Vergessenheit geraten, dass die Vereinbarungen für die Autoren auch sehr viel Positives enthalten. Ein Stein des allgemeinen Anstoßes war immer die Höhe des Wiederholungshonorars. Das war über viele Jahre 100%. Und da hatte das ZDF apodiktisch gesagt: diese Zeiten sind vorbei. Wir zahlen nur noch 50% Wiederholungshonorar. Das klang und klingt in vielen Ohren sehr schlecht. In Zeiten, in denen alles teurer wird, kann man doch das Honorar nicht einfach halbieren. Wenn man aber genau hinsieht, ist es keine Halbierung. Denn das ZDF hatte bislang als Grundhonorar € 24.500 gezahlt, das Wiederholungshonorar aber betrug € 22.500 und das waren also noch nie 100%. Jetzt mit der neuen Vereinbarung ist das Grundhonorar von €24.500 auf € 27.820 erhöht worden, liegt also € 3.320 höher als zuvor. Und die 50% Wiederholungshonorar beziehen sich auf das volle Grundhonorar ohne weitere Abzüge. Es ist aber nicht nur das Grundhonorar erhöht worden: Laut Statistik wiederholt das ZDF nur jeden zweiten Fernsehfilm. Wenn ein Autor das Einkorbmodell oder das Dreikorbmodell wählt, dann erhält er statt der € 27.820 jetzt € 46.000. Jeder zweite Autor bekommt also bei Wahl eines dieser Modelle sofort € 18.180 mehr. Und die erfolgreichen Autoren können ihr Honorar frei verhandeln. Schlechter stehen sich im Augenblick nur die Autoren, die das Grundhonorar bekommen, das Einkorbmodell oder das Dreikorbmodell gewählt haben und einen Film geschrieben haben, der ein Erfolg wurde und oft wiederholt wird. Und genau diesen Fall verhandeln wir gerade jetzt: dann kommt nämlich die angemessene Vergütung nach § 32 ins Spiel, es handelt sich um den sogenannten Bestseller und da muss die Frage jetzt geklärt werden, ab der wievielten Wiederholung wird nachgezahlt. Wir haben geregelt die Zahlungen für 3sat, ARTE, KIKA/Phoenix und die Digitalkanäle, wir haben die Beteiligung an den Erlösen aus Verkäufen geregelt (4% des Brutto-Erlöses), wir haben geregelt, was auch ganz wichtig ist, was ein Autor bekommt, wenn er ausgewechselt wird. Und wir haben geregelt, wie die Ratenzahlung zu erfolgen hat: dass ein Autor, wenn er seine erste Fassung abgegeben hat und wenn die den branchenüblichen Anforderungen an ein Drehbuches genügt, 2/3 seines Honorars erhält. Wir haben insgesamt eine größere Rechtssicherheit geschaffen. Und wenn wir auch längst nicht das bekommen haben, was wir wollten, so ist doch zumindest der seit Jahren zu beobachtende Abwärtstrend gestoppt worden, das Grundhonorar ist angehoben worden, es gibt etliche rechtliche Verbesserungen, und das wir jetzt an den Erlösen aus allen Verwertungen beteiligt sind, ist aus unserer Sicht ein Erfolg.

Damit der Vertrag mit Leben erfüllt wird, muss er umgesetzt werden. Das ist bislang nur äußerst mangelhaft passiert. Deshalb habe ich anfangs vom Super-Gau ohne Not gesprochen.

Wenn ein Film für den Autor und Urheber erfolgreich werden soll, gehört aber mehr dazu als nur die rechtlichen und finanziellen Rahmenbedingungen zu klären. Zu allererst sind es Programmentscheidungen, die für einen Erfolg ausschlaggebend sind. Diese Programmentscheidungen liegen aber nicht in der Hand der Autoren. Da sind sie abhängig von ihren Auftraggebern.
Am Tag vor der Konferenz in München hatte der neue Programmdirektor des ZDF, Norbert Himmler, der FAZ ein ausführliches Interview gegeben. Er hat da das Ergebnis einer Zuschauerumfrage zitiert – und die Zuschauer haben gesagt, was die Autoren schon lange wissen, dass das Programm zu realitätsfern sei. Und er hat versprochen: „Das ändern wir.“ Wunderbar. Und er hat gesagt: die erfolgreichen amerikanischen Fernsehserien treffen den Nerv der Zeit, denn sie handeln von Themen, die die Menschen angehen und bewegen. Das stimmt. Und er ist in die USA geflogen und hat sich da vor Ort angesehen, wie zum Beispiel HBO solche Serien produziert. Er sei im letzten Herbst bei den Machern der Serie „Girls“ gewesen. Und habe Lena Dunham, die Hauptdarstellerin und Autorin getroffen. Und er sagt: „Es ist faszinierend zu beobachten, wie die Kollegen von HBO mit ihr umgehen. Sie sagen: Wir geben ihr den professionellen Rahmen, in dem sie dann ganz frei ihre Qualitäten ausspielen kann.“ Das klingt gut. Das ZDF gibt also künftig seinen Autoren den professionellen Rahmen, damit sie mit ihren Ideen ganz frei umgehen können. Oder doch nicht? Denn was sagt er im nächsten Satz: „Ich glaube, so muss im fiktionalen Bereich die Beziehung zwischen einer guten Redaktion und einem guten Produzenten aussehen.“ Was hat er da gesagt? Da ist ihm der Autor, dessen kreative, produktive Freiheit bei HBO ihn gerade noch fasziniert hat, wohl beim Heimflug über dem Atlantik abhanden gekommen. Wohl abgesoffen! Denn den Autor gibt es jetzt, nach der Landung, zuhause gar nicht mehr. Programm machen Redaktionen und Produzenten. Und Schluss. Wer braucht da noch Autoren? Und weiter hinten kommt er auf einen Schwerpunkt des ZDF zu sprechen: nämlich auf skandinavische Krimis – und so sind die deutschen Autoren auf wundersame Weise schon wieder aus seinem Augenmerk verschwunden. Ich habe den Justiziar des ZDF, Peter Weber, der auf dem Podium saß, gebeten, dem Programmdirektor Norbert Himmler herzliche Grüße auszurichten und ihm die Bitte zu übermitteln, dass wir Autoren ihn gerne zu einem Kamingespräch einladen möchten, um über den professionellen Rahmen zu diskutieren, den das ZDF uns geben sollte, damit auch wir, wie die Autoren bei HBO und in Skandinavien, unsere Qualitäten ausspielen können. Denn der Film wird zunächst erfunden vom Autor, von niemandem sonst. Und wenn ihm dann die Professional Guidance gegeben wird, kann ein großer Erfolg für uns alle dabei heraus kommen: für den Autor, den Regisseur, die Schauspieler, die Produzenten und das ZDF – und vor allem für die Zuschauer, die dann ihre ersehnte unterhaltsame Realitätsnähe bekommen werden.

Wir gehen davon aus, dass wir in allernächster Zukunft alle offenen oder strittigen Fragen zu unserer dreiseitigen Zufriedenheit (VDD/ZDF/Produzentenallianz) verlässlich geklärt und vereinbart haben werden, dass alle Missverständnisse und Fehlinterpretationen ausgeräumt sein werden, und wir zu einer kreativen, produktiven, gemeinsamen Arbeit kommen werden, die in der letzten Zeit tatsächlich stark beeinträchtigt war.