Verband Deutscher Drehbuchautoren e.V. (VDD)

„Ich zähle auf Sie, dass Sie es finden.“ - Scenario 7 ist erschienen.

Das verflixte siebte Jahr. Routine schleicht sich ein, die Gefahr der Langeweile wächst. Im Geleitwort greift Herausgeber Jochen Brunow die naheliegende Kino-Assoziation auf: Marilyn Monroe, die in „The Seven Year Itch“ im sommerschwülen New York über dem Gitter des U-Bahn-Schachts posiert, die Beine vom hochwehenden Rock umspielt. Ein Sinnbild für lockende neue Reize.

Bezogen auf eines der von ihm besprochenen neuen Bücher über US-Qualitätsserien formuliert Michael Töteberg in seinem Beitrag „Komplexe Welten, aufgeblättert“: „(…) es ist die Crux solcher Tagungsbände, dass der Käufer immer etwas miteingepackt bekommt, was er nicht haben will.“ Auch Scenario bleibt im siebten Jahr eine Wundertüte, wenn auch mit bewährten Rubriken. Ob der Film- und Drehbuch-Almanach damit ein Kreuz zu tragen hat, sollte jeder selbst beurteilen. Manche Beiträge sind intellektuell fordernd und speziell, manche sprechen unmittelbar den Bauch an. Wieder bereichert die feine grafische Gestaltung das Layout. Jochen Brunow hat bei der Buchvorstellung bereits Neuerungen für kommende Ausgaben angekündigt, um es spannend zu halten. Und ist es nicht per se horizonterweiternd, sich auf Lesepfade zu wagen, die man sonst nicht unbedingt betreten hätte? Der Beitrag von Sebastian Bleyl über sein Hineinwachsen ins Autorendasein beschreibt den Effekt treffend: „Umwege erhöhen die Ortskenntnis“.

Wieder enthält Scenario ein Werkstattgespräch, diesmal mit Stefan Kolditz, Essays, ausführliche Rezensionen, biografische Abrisse, Hommagen, historische Texte und Überblicke über ganze Jahrgänge an Neuerscheinungen von Filmbüchern. Und zum siebten Mal wird das mit dem Deutschen Drehbuchpreis für das beste unverfilmte Drehbuch ausgezeichnete „Drehbuch des Jahres“ abgedruckt: „Freistatt“ von Nicole Armbruster und Marc Brummund. Das komplette Inhaltsverzeichnis und Leseproben sind unter http://www.bertz-fischer.de/scenario7.html zu finden. Deshalb werden hier nur noch kurz meine total subjektiven zwei diesjährigen Favoriten angeteasert:

Keith Cunningham fragt nach den „Herausforderungen einer 3-D-Dramaturgie“ und denkt dafür über den Sinn der Entstehung des Dramas in der menschlichen Geschichte nach. Technische Entwicklungen veränderten die Dramaturgie der Geschichten immer wieder: Vom Theater über den Stummfilm, Tonfilm und Farbfilm bis hin zu den heutigen Risiken und Chancen, die eine „Dramaturgie der Tiefendimension“ mit sich bringt. Wenn der Zuschauer sich plötzlich inmitten der Welt des Films wähnen kann, eröffnet das einmal mehr neue Möglichkeiten für überwältigende, oft aber inhaltsleere Effekt-Feuerwerke. Doch bei klugem Einsatz bietet auch die neue Technik nach Cunninghams Überzeugung die Chance, die emotionale Nähe des Zuschauers zu Figuren, Handlung und Thema zu verstärken und so die Filmerfahrung noch tiefer und befriedigender zu machen.

Ein Ausschnitt aus den biografischen Erinnerungen Jean Anouilhs entführt uns in die 30er Jahre in Frankreich und schildert mit feiner Selbstironie Szenen aus dem damaligen Verhältnis zwischen „Drehbuchautoren und Produzenten“: Von einem pompösen Buchhalter eingeschüchtert muss der später berühmte Autor zu Beginn seiner Karriere als Gagschreiber um das Honorar für jeden einzelnen Gag feilschen. Ein nervöser Produzent mit der Angewohnheit, Papierkügelchen zu kauen, verspeist im Gespräch versehentlich den schon für Anouilh ausgeschriebenen, ersehnten Scheck vor dessen Augen. Dann wieder wird der Autor um Mitternacht zu einem anderen berühmten Produzenten gerufen und folgendermaßen empfangen: (…) „‚Monsieur Anouilh, alle Welt sagt, Sie seien sehr talentiert. Ich mache einen Film, den ich bereits in Frankreich und nach Deutschland, Belgien und Luxemburg verkauft habe. Ich möchte, dass Sie daran arbeiten. Der Film heißt CAVALCADE D´AMOUR.’ Ich stimmte höflich zu: ‚Ein guter Filmtitel. Und was ist das Thema?’ ‚Es gibt keines’, sagte er einfach, ‚ich zähle auf Sie, dass Sie es finden.’“

Heiko Zupke