Verband Deutscher Drehbuchautoren e.V. (VDD)

„Schlacht um die H.M.S. Copyright“

„Schlacht um die H.M.S. Copyright“
Rede von Sebastian Andrae, VDD-Vorstandsmitglied, anlässlich der Lola-Verleihung durch Kulturstaatsminister Neumann am 8.2.2013

Ich wollte eigentlich über Piratenfilme reden, aber das Genre ist tot, oder? Total ausgelutscht. Obwohl, im letzten Jahr habe ich noch einen Film gesehen, den fand ich ganz amüsant: „Die Piraten – ein Haufen merkwürdiger Typen“.
Das waren so drollige Knetfiguren. Kann man nicht wirklich ernst nehmen. Andererseits fasziniert das Meer natürlich Filmemacher seit Generationen. „Im Rausch der Tiere“ zeigt das Meer als eigentliche Heimat der Helden. Im „Weißen Hai“ ist es der Hort des Bösen. In „Vincent will Meer“ ist es der Sehnsuchtsort, und in „Die Nordsee von oben“ ist es ... die Nordsee von oben.

Aber eigentlich erwarten die Menschen vom Kino ja eine positive Vision.

Folgen wir also dem amerikanischen Starregisseur James Cameron mit seinem Tauchboot in die Tiefen des Ozeans – James Cameron wohlgemerkt, der König der Welt, der andere Cameron geht wahrscheinlich später baden. James Cameron bedient natürlich alle Instrumente selbst. Er kann sich in letzter Zeit verstärkt seinen Hobbys widmen, da seine Filme nur noch im Internet Premiere haben.

Der Scheinwerfer des U-Boots trifft ein Schiffswrack. Algen überwuchern die Planken. Der Schiffsname ist nur noch undeutlich zu erkennen. Doch Cameron weiß sofort, er hat eine Entdeckung gemacht: vor ihm liegt die gesunkene H.M.S. Copyright. Er fährt einen Greifarm aus, und aus dem Innern des Wracks kann er ein verwaschenes Dokument retten. Ein Drehbuchfragment.

„PIRATENSCHIFF: HAUPTDECK. AUSSEN / TAG.
500 Seemeilen jenseits von ... tja, jenseits von allem eigentlich. Der PIRATENKAPITÄN hält an Deck eine flammende Rede.

PIRATENKAPITÄN: „3-D hin oder her – habt Ihr’s schon mal mit einer Augenklappe versucht, Leute? Wenn Ihr ein paar Dimensionen ausblendet, seid Ihr viel schneller fertig mit Denken!“

Keine Reaktion. Die Mannschaft glotzt ausdruckslos auf ihre Smartphones. Dann ein schriller Ruf aus dem Ausguck:

MANN IM AUSGUCK: „Schiff in Sicht!“

Die Seh-Räuber stürzen an die Reling. Dadurch neigt sich ihr Seelenverkäufer so bedenklich zur einen Seite, dass die ersten über Bord gehen. Doch Kollateralschäden hin oder her – die Attacke könnte sich lohnen. Hart backbord wartet der Schatz des 21. Jahrhundert: geistiges Eigentum.

PIRATENKAPITÄN: „Klarmachen zum Entern, Männer! Ach ja, die paar Mädels da hinten auch! Gibt was umsonst!“

Die ersten Beutegierigen schwingen sich hinüber auf die H.M.S. Copyright, verfangen sich aber im Kabelsalat und knallen gegen die Firewall. Einer krallt sich mit seligem Lächeln an der Galionsfigur fest, die dem ähnelt, was er sich sonst so runterlädt. Der Piratenkapitän sieht sein bedingungsloses Grundeinkommen davonschwimmen und reagiert blitzschnell:

PIRATENKAPITÄN: „Hackt sie! Keine Warnhinweise!“

Die bleichen Nerds unter Deck beladen die Rohre mit allem, was nach jahrelangem Surfen von ihren Junkfood-Vorräten noch übrig ist. Als sich der gewaltige Shitstorm gelegt hat, zeigt das stolze Boot der Urheber bereits Schlagseite.
Die verzweifelte Mannschaft der H.M.S. Copyright muss befürchten, dass sie im Heimathafen bereits aufgegeben wurde, obwohl sie unschätzbare Werte an Bord hat. Keine starke Armada, keine konzertierte Aktion kommt ihr zur Hilfe. Sie ahnt, selbst wenn die Freibeuter bei ihrem chaotischen Angriff ihr eigenes Schiff torpedieren – wonach es fast aussieht -, werden neue Angreifer womöglich schneller sein als ihre Verteidiger ...“

Hier bricht das Fragment ab – ein ergreifendes Dokument, wurde es doch an Deck jenes Schiffes verfasst, dessen Untergang es schildert. Dem Vernehmen nach soll Cameron es den mittlerweile weltgrößten Studios, Google und Facebook, zum kostenlosen Download angeboten haben.

Ich wollte sie nicht runterziehen – ist nur Fiktion, meine Damen und Herren. Nur Fiktion. Noch haben wir eine funktionierende Förderlandschaft, eine lebendige Kinoszene, eine Vielfalt an Genres und vor allem junge Talente, die sich unerschrocken auf die hohe See des Filmemachens wagen.

Moderator und VDD-Vorstandsmitglied Sebastian Andrae