Das öffentlich-rechtliche Fernsehen befindet sich in der größten Krise seit seinem Bestehen. Die Produzenten warnen zu Recht, dass sie angesichts ständig sinkender Mittel für die Herstellung von Fernseh- und Dokumentarfilmen die einst gerühmte Qualität des öffentlich-rechtlichen Fernsehens nicht mehr halten können. Während kommerzielle Sportereignisse in HD-Qualität mit Millionen subventioniert werden, bekommt selbst das ARD Flagschiff "Tatort" Schlagseite, weil man es nicht mehr angemessen pflegt.
Ausgerechnet jetzt, wo es mangels Akzeptanz ganzer Generationen dringend notwendig wäre, in die Qualität des Programms zu investieren und mutig neue Zuschauer zu gewinnen, will das ZDF die Honorare der Kreativen kürzen. Dabei sind sie die Einzigen, die das Schiff wieder flott machen könnten.
Autoren erfolgreicher Fernsehfilme, die Millionen berühren, sollen in Zeiten der inhaltlichen Krise schlechter bezahlt werden. Ausgerechnet zu einem Zeitpunkt, an dem die Qualität in einem nie dagewesenen Ausmaß bemängelt wird, spart man an der inhaltlichen Qualität des fiktionalen Programms.
Angesichts der Kritik an dem zunehmend formatierten Einheitsbrei öffentlich-rechtlichen Fernsehens setzt man ausgerechnet auf schnell geschriebenen Einheitsbrei?!
Wäre es nicht an der Zeit, rein kommerzielle Programme wie die Champions League, schlichte Unterhaltungsshows und Boxkämpfe dem Privatfernsehen zu überlassen? Ist es wirklich nötig, das Milliardengeschäft der Bundesliga mit einer Fernsehsteuer zu subventionieren?
Es ist absurd, dass man in einer Zeit der ständigen Verfügbarkeit medialer Ereignisse im Privatfernsehen und im Internet immer noch daran festhält, alle möglichen Programmfarben zu bedienen, als gäbe es immer noch nur drei Programme.
Die BBC hat es vorgemacht und die Etats zugunsten fiktionaler Programme verschoben. Der Rundfunkvertrag wäre wunderbar erfüllt, wenn der gesellschaftliche Diskurs durch Dokumentarfilme, anspruchsvolle, überraschende, provozierende und innovative Fernsehfilme und Serien angeregt würde. Es lässt sich über nichts so herrlich diskutieren, wie über einen Film, der mutig Stellung bezieht und aufgeregte Diskussionen hervorruft.
Die sogenannte Süßstoffoffensive mag ein Quotenhit gewesen sein, aber die Quote ist ein kommerzielles Konzept. Eben von der kommerziellen Verpflichtung wollten die Väter des öffentlich-rechtlichen Rundfunks das Fernsehen befreien. Es sollte unabhängig und mutig den demokratischen Diskurs beflügeln.
Das öffentlich-rechtliche Fernsehen erstickt inzwischen in seiner formatierten Programmgestaltung. Aus dem Einheitsbrei ragen allenfalls noch der "Tatort" und der eine oder andere Fernsehfilm hervor, die den Spagat zwischen Formatierung und gesellschaftlicher Relevanz schaffen. Der "Tatort" schafft das, weil er in sich vielfältig ist. Er ist nicht dem Diktat einer einzigen Formatidee unterworfen. Die Reihe wird verschieden interpretiert und von vielen Köpfen entworfen, gemacht und verantwortet. Es gibt lustige, alberne, düstere, verstörende und provozierende Filme.
Wenn noch etwas gewagt wird, dann hier. Die Etats für einen einzelnen "Tatort" sind seit über zehn Jahren nicht erhöht worden. Das ist ein ungeheurer Realverlust der Mittel, die für einen einzelnen Film zur Verfügung stehen. Die Zahl der Drehtage ist so von durchschnittlich 28 auf ungefähr 21 reduziert worden. Trotz dieser Kürzungen soll aber die Qualität gleich bleiben. Jeder Mensch weiß, dass das unmöglich ist.
Es ist nur der unermüdlichen Selbstaufopferung und dem festen Glauben vieler Mitarbeiter der Filmbranche an den Sinn guten Fernsehens zu verdanken, dass es überhaupt noch einigermaßen geht. Ausgerechnet das öffentlich-rechtliche Fernsehen macht sich zum Preisdrücker, befördert Lohndumping und reduziert somit die Qualität der Programme.
Die Löhne der festangestellten Mitarbeiter werden an die Preisentwicklung angepasst, die Etats derer, die das Programm tatsächlich herstellen, werden gekürzt.
Nach den öffentlich zugänglichen Zahlen fließen überhaupt nur noch etwa 30 Prozent der Rundfunkgebühr in die Herstellung fiktionaler Programme.
Machen wir uns nichts vor, auch wenn hier und da noch herausragende Montags- und Mittwochsfilme hinzukommen: Gutes Erzählfernsehen ist den öffentlich-rechtlichen Sendern immer weniger Wert.
Warum aber ist es so wichtig, im Fernsehen Geschichten zu erzählen?
Weil die Menschheit sich über ihre Geschichten definiert. Das Menschenbild der Erzählungen spiegelt den Zustand der Gesellschaft und entwirft Utopien. Indem sie einzelne Schicksale herausgreifen und das Handeln der Menschen nachvollziehbar machen, helfen sie Rollenvorbilder zu schaffen und Horizonte zu erweitern. Auf diese Weise können Filme zum Vermittler zwischen allen Teilen der Gesellschaft werden.
Ein kommerzieller Verwerter kann mit seinem Programm tun und lassen, was er will, wenn es sich denn rechnet und den Gesetzen entspricht. Das öffentlich-rechtliche Fernsehen aber zahlen wir nur dann gerne mit unseren Gebühren, wenn uns etwas bedeutet und Bedeutung vermittelt. Wie kann es aber etwas bedeuten, wenn es die Programme, die sich ernsthaft mit den Menschen beschäftigen, nicht schätzt?
Und komme da keiner mit dem Spruch vom „besten Fernsehen der Welt“. Das mag hier und da noch stimmen, aber die Etatverteilungen in den Rundfunkhäusern sprechen eine andere Sprache. Das öffentlich-rechtliche Fernsehen sägt an dem Ast, auf dem es sitzt.
Ein gesellschaftlich finanziertes und akzeptiertes Fernsehen braucht neben der Information vor allem gute Filme: Spielfilme, Dokumentarfilme und Serien, die Ausdruck unserer Kultur sind und herausfordern.
Die meisten Zuschauer wollen ein öffentlich-rechtliches Fernsehen, das seinen Namen verdient. Wir fordern die Verantwortlichen auf, sich auf den ursprünglich Auftrag zu besinnen. Das öffentlich-rechtliche Fernsehen muss von einem sich selbstversorgenden Unterhaltungsapparat wieder zu einem Leitmedium werden. Wenn es das nicht leisten kann, brauchen wir es nicht mehr.
Prof. Peter Henning, Drehbuchautor und Regisseur
12.02.2013
| Anhang | Größe |
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| 20130212_Henning_Ist der öffentlich ....pdf | 184.86 KB |
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