Verband Deutscher Drehbuchautoren e.V. (VDD)

World Conference of Screenwriters 2012 - Bericht von Prof. Peter Henning

Wir berichten von der World Conference of Screenwriters 2012, die im November in Barcelona stattfand: mehr als 150 Drehbuchautoren, Guild-Vertreter, Juristen und Medienexperten diskutierten zwei Tage lang die "Globalen Trends in der Drehbuchautoren-Welt". Heute der 2. Bericht von VDD-Vorstandsmitglied Prof. Peter Henning:

Barcelona!
Eine wunderschöne alte Stadt, die in ihrer Architektur Moderne und freiliegende, jahrhundertealte Ziegelwände aufs wunderbarste vereint.
Das Hotel haben die Schweden gebaut – oder waren’s die Finnen? Egal! Draußen rappelt der Ventilator der Klimaanlage, an der Wand klebt der Flatscreen. Zum Frühstück gibt’s Birnentarte!!

Der Autor liegt im Bett und weiß in dem Moment nicht mehr, ob die WEB-Serie, die gestern im Dunst der Absinth-Bar kreiert wurde, schon gedreht ist oder ob er alles nur geträumt hat. Autoren sind etwas Wunderbares. Der endlose Fluss der Anekdoten, Erfindungen, Witze und Weltveränderungsverschwörungen begleitet uns vom Check-In ins Flugzeug und schwillt mit jeder neuen Begegnung an. Mein Gott können Autoren laut sein! Und aufgeregt, anregend, offensiv, beseelt und mutig!!
Zumindest für den Moment.
Barcelona war ein kleiner Ausblick auf das, was Autoren vielleicht in der Zukunft sein sollen, wollen und müssen.
Ewig sprudelnder Quell kleiner und großer Geschichten, deren Bild gewordene digitale Wirklichkeit in Windeseile um den Globus rauscht und in Form von Klicks, Blogs und Kommentaren zu einer riesigen Community anschwillt.
Der Autor im Zentrum des Geschehens, Schöpfer, Gestalter und Verleger in einer Person. Allerdings auch schutzlos im Shitstorm rudernd, weggespült und untergegangen im digitalen Rauschen.

Change or die!

Der Autor, der abgeschirmt von der Welt in einer verfilzten Strickjacke neben einem Glas Rotwein träumt, und nur ab und zu aufsteht, um einen Scheck aus dem Briefkasten zu holen, kommt ins Museum.
Die jungen dynamischen Digital Natives schwärmen aus und erobern die Welt des Erzählens. Sie lassen sich nicht länger auf die liebgewonnenen Formate ein, die das Fernsehen in bräsiger Selbstgefälligkeit endlos wiederholt. Sie schließen sich zu selbstproduzierenden crowds zusammen und kehren den Etablierten verächtlich den Rücken zu. Während die einen von der Freiheit schwärmen, ohne hindernde Gatekeeper vergangener Medien, in der eigenen peer group das wirkliche Autorenglück zu finden, fragen die anderen verzweifelt, was für eine Freiheit das sein soll, wenn man sich von seiner Arbeit nichts mehr zu essen kaufen kann.

Was soll allerdings der weltweite Surfer mit dem Jammern erstarrter Autoren anfangen, die einfach nicht begreifen wollen, dass ihre altbackenen Stoffe niemand mehr sehen will?

Aber halt! So schnell, wie die Piraten dieser Welt es gerne hätten, verändert sich die Welt gar nicht! 80% des Umsatzes wird auf die althergebrachte Art und Weise verdient. Es sind die alten Player der medialen Welt, die aus den einzelnen Geschichten soviel Profit herausschlagen, wie sie nur können. Auch sie bevölkern das Internet, und zwar in viel größerem Ausmaß, als wir das ahnen. Nahezu jeder amerikanische major macht sich auf, das Internet zu erobern. Es gibt sie schon, die Web-Serie.

So richtig neu ist das allerdings alles nicht, was man da so im Internet findet. Meistens sind es dieselben alten Geschichten, die durch add-ons, Multiplattform-Vermarktung, gedruckte Magazine, Spiele und beigefügte Spielzeuge aufgepeppt werden. Kaum anders als das Star Wars Imperium mit Mattel-Figuren.
Interaktiv und zuschauerbeteiligt ist meistens nur die Finanzierung. Früher hat man bezahlt, um es zu sehen, jetzt soll man es schon bezahlen, bevor es überhaupt produziert worden ist. Man soll Filme kaufen und ihr Fan werden, ohne zu wissen, ob sie jemals gemacht werden. Als Konsument klingt das alles nur bedingt interessant.
Eine schreckliche Vorstellung, dass man den ganzen Tag auf iphone, ipad, Flatscreen, Radio und Zeitung von einer Geschichte verfolgt wird, die man dann abends noch als Brettspiel mit den Kindern spielen soll, bevor man sich in die dazu gehörige Bettwäsche kuschelt und das Ende träumt, um es am nächsten Morgen zu posten. Ob das Vielfalt ist?!

Eigentlich ist das Internet was anderes. Es bedeutet ständige Veränderung. Change or die. Muss man sich jetzt in den Strom werfen oder gibt es eine Chance, dass man seine Geschichte annähernd unter Kontrolle behält?

Ein Trend wurde in Barcelona sichtbar. Man muss sich schon Mühe geben, um seine „peer group“ zufrieden zu stellen. Lange horizontale Figurenentwicklungen mit starken, mehrdimensionalen Figuren, die einen aufregen, anregen, beschäftigen müssen, werden von spritzigen vertikalen Kurzstorys und Ideen durchbrochen, um die Aufmerksamkeit hoch zu halten. Warum noch einen Film sehen, dessen Ende man schon voraus ahnt? Es lebe die überraschende Wendung, die unerwartete Idee! Was bedeutet change or die, wenn man ein Untoter ist?

Die gute Nachricht ist, dass die Chancen für das filmische Erzählen so groß wie noch nie sind. Wer wirklich gute und originelle Dialoge schreibt, kann lustvoll und lange mit seinen Figuren durch das Internet ziehen und Freunde finden.

Fragt sich nur wer das Geschriebene umsetzt, uploaded und sozial vernetzt.
Das Internet ruft verlockend „mach es selbst! Werde zum Herren deiner eigenen Erzählung! Schluss mit dem Reingequatsche der Bedenkenträger! Raus mit den frischen Ideen direkt an den Kunden!“
Allerdings trägt man das Risiko selbst, womit wir wieder bei der Frage wären,
wer die Brötchen bezahlt.

Zweifelsohne erfordert diese mediale Revolution einen anderen Autorentyp. Einen aufgeweckten, risikofreudigen Unternehmer in eigener Sache. Wer das nicht kann, sollte sich beizeiten nach Verbündeten umsehen, die einem dabei helfen.

Einige Autoren machen es vor. Sie schreiben ihre Web-Serie, produzieren, promoten sie selbst und tragen das Risiko. Es war noch nie so günstig, Filme zu drehen. Die digitale Technik ist lichtstark, flexibel und braucht wenig, um einen hohen optischen Produktionswert zu erreichen. Es ist die Geschichte, die zählt und fehlt.

Da wiederum ist nach wie vor der Platz der AutorInnen. Ich kann nur jedem raten, ein paar Tage mit einem Haufen von Schreibern durch eine Stadt wie Barcelona zu ziehen und dabei vielleicht auch die eine oder andere Absinth-Bar mit verrückten Finnen aufzusuchen, um zu erleben wozu auch die eher vorsichtigen deutschen Autoren in der Lage sind. Seitdem sehe ich voller Optimismus in eine ungewisse Zukunft. Irgendwo da draußen könnte ein neues Amerika zu entdecken sein, auch wenn es nur virtuell ist. Auch das ist Barcelona. Der Traum lebt weiter.

PS: games brauchen häufig keine Story, sie sind mit einer Spielidee zufrieden und wer Geschichten sucht, wird sie nach wie vor in der guten alten Filmerzählung finden!

Prof. Peter Henning
VDD-Vorstandsmitglied
Professor für Drehbuch an der HFF Potsdam