Verband Deutscher Drehbuchautoren e.V. (VDD)

Globale Trends in der Drehbuchautoren-Welt

Am 9. und 10. November 2012 fand in Barcelona die 2. Weltkonferenz der Drehbuchautoren statt. Mehr als 150 Drehbuchautoren, Guild-Vertreter, Juristen und Medienexperten tauschten sich intensiv aus und diskutierten angeregt. Dr. Christine Otto bündelt die Trends dieser Konferenz der Drehbuchautoren und wagt einen Ausblick in die Zukunft.

Barcelona 2012: The feeling of crisis ./. The wind of change

Es beginnt mit emotionalen Eröffnungsreden, die allesamt die Kraft der Narration beschwören. Als ahnten Henrique Hivadulla, Sylvie Lussier und FSE Präsidentin Christina Kallas schon, was für ein digitaler Sturm durch die ehrwürdigen Hallen des L`Ateneu Barcelones fegen wird, als sie „Change“ zum Schlachtruf der Second World Conference of Screenwriters (WCOS 2.0) erklären.

“Creators are not afraid of change. We create the change” rufen die einen hoffungsfroh in den Saal, andere setzen mit “change or die” noch einen drauf. Da weicht so manchem Kollegen die Farbe aus dem Gesicht. Doch bei aller Radikalität, die besonders jungen Filmemachern zu Eigen ist, die Prämisse „Ich will so bleiben wie ich bin“, hat ausgedient. Das Internet verändert unsere Arbeitsbedingungen. Dieser Prozess ist unumkehrbar.

Um es vorweg zu nehmen.
Es gibt mehr Fragen als Antworten.
Viel mehr.

Und da die Sprache unser Werkzeug ist, ist es sinnvoll, sich an internationale Begrifflichkeiten zu gewöhnen. Im weltweiten Markt bürgert sich die Bezeichnung „Creator“ ein, wenn ein Drehbuchautor gemeint ist. Das scheint nur folgerichtig, betrachtet man die Menge neuer Aufgaben und Herausforderungen, die unser Berufsstand zu schultern hat.

Die digitale Revolution und die Herausforderungen für „Creators“ waren demzufolge auch die dominanten Themen, wobei es nicht nur darum ging, dass wir zukünftig mehr cross- und transmedial erzählen, sondern dass wir eine große, um nicht zu sagen unübersichtliche Bandbreite an neuen Ansprechpartnern und Distributionsmodellen zur Verfügung haben. Vom neuen Umgang mit dem Publikum ganz zu schweigen. Es entscheidet via Crowdfunding ob Filme gemacht werden oder nicht, es integriert sich in den kreativen Prozess oder nicht, es bezahlt oder nicht. Diese Zukunftsaussichten sind nicht immer angenehm.

Sind wir verloren im globalen Dorf?

Es verwundert nicht, dass es junge, enthusiastische Kollegen sind, die neue Wege in der Kreation, Produktion und Distribution ausprobieren, die allesamt auf die Kraft der Community setzten. Der Spanier Nicolás Alcalá stellte seinen Kinofilm „El Cosmonauta“ vor, der Finne Timo Vuorensola die Nazi Persiflage „Iron Sky“. Beide Projekte wurden über Crowdfunding anschubfinanziert, beide haben ihre Community in einem sehr frühen Stadium an das Storytelling integriert. Belohnt wurden sie durch das höchste Gut, was ein Filmemacher heute erreichen kann. Loyalität der Community. Es bleibt abzuwarten, ob sich diese auch in bare Münze auszahlt.

Was sich in Deutschland noch nicht monetarisieren lässt, aber in Amerika den Fernsehmarkt aufrollt, ist die Webserie. Fast unheimlich anmutende Zuwachsraten charakterisieren das WebTV, mehrere Vertreter aus Amerika (Kristin Jones, Susan Miller, Paul Kontonis) stellten ihre Firmen und Projekte vor. Dass auch die Engländerin Liz Rosenthal, CEO von „Power to the pixel“ ihr Geschäftsmodell präsentierte, hatte neben dem klugen Inhalt auch den beruhigenden Nebeneffekt, dass der digitale Fernsehmarkt noch nicht ganz in amerikanischer Hand ist.

Was ist eigentlich WebTV?

In vielen Ländern ist die Zeit peinlicher Videoschnipsel, verschwitzter Darsteller und wackeliger Kameraführung vorbei. Jetzt erobern Profis, die in Sendern und mächtigen Produktionsfirmen ihr Handwerk gelernt haben, den Markt.
Webserien sind nichts anderes als serieller WebTV Content, der entweder on-demand oder als Livestream abgerufen werden kann. Da kleinere Bildschirme anscheinend eine andere Aufmerksamkeit erfordern als der große Screen, sind die Episoden kürzer als im traditionellen TV. (Doch auch hier scheint es keine goldene Regel zu geben, immer mehr Menschen konsumieren Kino Blockbuster auf ihrem Tablet. Der Screen ist 22 x 14 cm groß!)
Die Genres in der Webserie sind vielfältig und geben auch sogenannten Nischenthemen, die im traditionellen TV keine Zielgruppe finden, eine Chance. Bedingt durch die Interaktivität des Mediums Internet finden in den besseren Webserien neue Formen des Erzählens Anwendung. WebTV kennt keine Ländergrenzen, es ist global abrufbar.
Google mit YouTube und entsprechenden Partnerkanälen versuchen ebenso wie der kleinere Konkurrent Yahoo das Fernsehpublikum vor die Computer, Laptops oder Tablets zu locken und treten damit in direkte Konkurrenz zu den Sendern.

Damit wir in Deutschland schon mal einen Vorgeschmack bekommen, was auf uns zukommen kann, hier die aktuellen Zahlen der Web-Serien, die in den USA in den letzten drei Jahren entwickelt und produziert wurden.

2010 – 93 Serien
2011 – 269 Serien
2012 – circa 700 Serien
Prognose für 2013: 1000 Serien

Der US Markt wird digital aufgemischt. Von Ex Network Profis, die wissen, wie man Talente an sich bindet und Produktionsbedingungen standardisiert. WebTV ist schon längst kein Kreativgehege mehr für Menschen, die auch mal irgendwas ins Netz stellen wollen. US-WebTV ist eine Macht, bestimmt von den Regeln des Marktes.

In Amerika liegt hier eine Chance für Creators und ihre Stoffe. Wie sieht es aus auf dem deutschen Markt? Wenn der öffentlich-rechtliche oder der private Sender unsere Idee nicht will, vielleicht will sie das Publikum? Gibt es in Zeiten wie diesen noch eine Entschuldigung, seine Ideen in der Schublade vergammeln zu lassen, wenn sich vielleicht eine Community dafür begeistert?

Wie immer liegt auch hier der Teufel im Detail. Sowohl die amerikanischen als auch die britischen Redner wollten sich nicht zu tief in die Karten gucken lassen, wie man WebTV finanziert. Business-Angels, Advertising und Sponsoren sind die Antwort, konkrete Zahlen wurden nicht genannt. Und wer nicht auf englisch schreiben kann, wird sich schwer tun im globalen WebTV Dorf.

Liz Rosenthal beschwor eindringlich die neuen Allianzen zwischen Creator und Publikum. Der Name ihrer Firma “Power to the pixel” ist Programm: „Create, finance, distribute in a cross media world“. Nicht mehr der Redakteur ist der Filter, die Idee des Creators ist es! Heute reicht es nicht mehr sein Publikum zu verstehen und eine ungefähre Ahnung davon zu haben, was es will. Der Creator muss sich die Frage gefallen lassen, warum er für eine bestimmte Zielgruppe schreiben will. Findet er keine Antwort, sollte er es lassen. Findet er eine, muss er entscheiden auf welcher Plattform er welche Aspekte seiner Idee erzählen will. Denn alles ist Teil der gleichen Story.
Das ist die gute Nachricht für Storyteller. Im Zentrum steht immer noch die Idee! Und um diese Idee wird ein Universum gebaut. Nicht linear erzählt, sondern in alle Richtungen. Das eröffnet einen vollkommen neuen Blick auf Recherchematerial und ist eine spannende Situation für Menschen, die in komplexen Zusammenhängen denken können.

So zum Beispiel Susan Miller, Creator von www.anyonebutmeseries.com, eine erfolgreiche US-Webserie, die eine leidenschaftliche und absolut loyale Fangemeinde hat, die in die hunderttausende geht. Denn wer kein Marketingbudget hat, ist auf die Loyalität seiner Fans angewiesen. Die gute alte Mundpropaganda ist ein probates Mittel um Nischenprodukte bekannt zu machen. Susan, die bereits Hits wie „Thirtysomething“ geschrieben hat, machte in diesem Zusammenhang klar, dass die Regeln des guten Erzählens nicht auch im Netz, sondern ganz besonders im Netz gelten. Denn das Publikum hat seine Sehgewohnheiten in den hochprofessionell erzählten TV Drama Serien geschärft. Mit weniger gibt es sich nicht gerne zufrieden, Welpenschutz gibt es im Web nicht mehr.

Moderne Zeiten sind mobile Zeiten

Findet das Publikum Gründe ab- und umzuschalten, ist es nicht nur weg, sondern sehr schwer zurück zu gewinnen. Das ist mit der Fernbedienung nicht anders als auf dem Tablet oder Smartphone. Mobil erzählen heißt nicht in Schnipseln erzählen, mobil erzählen heißt den großen Content so spannungsreich aufzuarbeiten, dass eine dynamische Struktur entsteht. Der Autor gibt ein Versprechen ab, der Zuschauer möchte einen emotionalen Pay-off. Das wird sich zum Glück ebenso wenig ändern wie die Existenz des linear erzählten Films. Egal ob wir ihn Spielfilm, Movie, Fernseh- oder Feature-Film nennen, es wird ihn immer geben. Ob das TV weiter Leitmedium sein wird, bleibt abzuwarten. Das Web holt auf und besonders die „digital natives“ wissen, wo sie ihren Content finden.

The feeling of crisis…

Doch das Gefühl der technischen und inhaltlichen Überforderung ist nicht wegzuleugnen.
Natürlich ist eine internationale Konferenz nicht der Ort, um besonnen über die Zukunft zu philosophieren. Im Stundentakt prallen Informationen, Fakten, Daten und Meinungen aufeinander. Doch Fragen müssen gestellt werden, auch wenn die Antworten offen bleiben.
Haben wir Drehbuchautoren eigentlich eine tragfähige Vision der digitalen Zukunft?
Sind wir zukünftig immer mehr Verkäufer und immer weniger Geschichtenerzähler?
Ergreifen wir die Chance, "direct to consumer" zu erzählen, um unsere Position zu stärken - oder überlassen wir die Distribution erneut anderen, die damit neue Machtpositionen aufbauen?
Wie definieren wir unser kreatives Selbstverständnis, wenn die Grenzen zwischen Amateur und Profi immer mehr vermischen?
Wenn es nicht mehr ausschließlich die Redakteure sind, die die Oberhoheit über die Stoffe haben, sondern das Publikum, sind wir dann auf dem Weg zur Tyrannei der Massen?
Wird alles gleich und vorhersehbar oder kreieren wir ein Paradies für anspruchsvolle Nischenprodukte?
Wenn nur noch die Technologie zwischen dem Creator und dem User steht, werden wir uns nicht bald die gute alte Redaktion zurückwünschen, in der erfahrende Fernsehmacher ein Filtersystem bilden und unsere Ideen vor dem Publikumsgeschmack beschützen?

Die Situation in Deutschland

Die Zahl der fiktionalen Sendeplätze in Deutschland wird nicht steigen. Was steigt ist die Anzahl junger Autoren, die an staatlichen oder privaten Filmschulen ausgebildet werden. Was leider auch steigt, ist die Anzahl der seit vielen Jahren schreibenden Autoren, die immer größere Schwierigkeiten haben von ihrer Arbeit zu leben.
Vielleicht wird es Zeit für neue kreative Allianzen? Die digitalen Vertriebskanäle gibt es bereits. Als Profis sollten wir sie kennen und diejenigen kennenlernen, die gerade den Markt unter sich aufteilen. Während sich der „alte“ Autor den Vorlieben seines Redakteurs und den genrespezifischen Eigenheiten seines Sendeplatzes stellen muss, muss der „neue“ Autor andere Herausforderungen meistern: Content kreieren und eine Community aufbauen.
Für beide Autorentypen gilt: Ohne eine gute Idee verkauft sich nichts!

„The world gets smaller. So do the fees.”

Mehr Freiheit!
Mehr Konkurrenz!
Mehr Tempo!
Mehr Geld?
Wahrscheinlich nicht.

Neben den neuen kreativen Möglichkeiten stellt sich für den Creator die dringende Frage nach dem Honorar. Denn wenn der Consumer den Content überall umsonst bekommt, vergisst er schnell, dass der einen Wert hat. Es reicht eben nicht Content zu „liken“, von dieser Sympathiebekundung kann der Autor weder seine Krankenkasse noch seine Miete bezahlen.

Die Writers Guilds zumindest der angelsächsischen Welt reagieren. Nicht nur auf die Herausforderung, wie man die Rechte der Autoren im Netz durchsetzt, sondern auch mit der Frage, wie man die Kollegen, die nur noch im Internet arbeiten, als Mitglieder gewinnt.

Netzpolitik ist ein hartes Geschäft. Davon können die Kollegen, die sich im Streit um das Urheberrecht engagieren, ein Lied singen. Alle bekommen Geld „by click“, nur der Autor nicht.
Um so mehr gilt in Zeiten wie diesen: Let´s get paid!

Diese Interessen kann der Einzelne nicht für sich durchsetzen. Das geht nur in einer starken Gemeinschaft. Die Verbände und Guilds haben die Kenntnisse, das Personal und die Kontakte sich national und international aufzustellen und für die Rechte ihrer Mitglieder zu kämpfen.

Sonst verdienen nämlich wieder alle … außer den Autoren.

Die Verfasserin Dr. Christine Otto ist Seriendrehbuchautorin, Dozentin für serielles Schreiben und Mitglied im Vorstand des VDD. Sie arbeitet an ihrer ersten Webnovel.