Verband Deutscher Drehbuchautoren e.V. (VDD)

Knut Boeser: Geschichten erzählen

Ich erzähle Geschichten. Früher saß ich auf dem Marktplatz. An guten Tagen, wenn mir viel eingefallen ist und ich animiert und unterhaltsam und spannend erzählt habe, sind die Menschen stehen geblieben und haben mir zugehört und haben freiwillig ein paar Münzen in meine Mütze geworfen. An schlechten Tagen haben sie mich nicht mal ignoriert und sind einfach weitergegangen. Das war vor zweieinhalbtausend Jahren. Ich habe bald gemerkt, es hilft sehr, wenn ich Musik dazu spiele, und vielleicht einen frechen Affen auf den Schultern habe, oder einen bunter Papagei. Dann bleiben mehr Menschen stehen und zahlen gerne mehr. Später habe ich dann noch ein paar Freunde dazugeholt, ich habe meine Geschichten auf Rollen verteilt, und wir haben Theater gespielt, erst auf dem Marktplatz, dann im Theater. Da haben die Menschen dann vorher zahlen müssen, um rein zu kommen. Das haben die gerne gemacht, weil sie vergnügliche und erbauliche Abende dafür bekamen. Das ging über viele Jahrhunderte so. Lifestream war das.

Dann kam der Film, das war wundervoll. Ich habe meine Geschichten als Drehbuch geschrieben, der Film wurde mit großem Aufwand gedreht und in vielen Kinos zugleich gezeigt. So konnten sehr viel mehr Menschen meine Geschichten sehen. Großartig. Dann kam das Fernsehen, und niemand mußte mehr extra aus dem Haus, wenn er meine Geschichten sehen wollte. Da hatte ich dann Millionen Zuschauer zuhause bei sich vor ihren Bildschirmen. Meine Geschichten konnte man auch auf DVD sehen wann immer man wollte. Und dann kam das Internet. Großartig und immer besser. Jetzt können noch mehr Zuschauer meine Geschichten sehen und zwar wann immer sie wollen - als Stream in der Mediathek, oder sie können meine Filme downloaden. Es ist also für mich als Geschichtenerzähler immer besser geworden, weil ich immer mehr Zuschauer erreichen kann. Das ist aber auch schon das einzige, was sich verändert hat. Nach wie vor erzähle ich meine Geschichten. Und wenn ich die spannend und unterhaltsam erzähle, wollen die viele hören und sehen, erzähle ich die langatmig und langweilig, werden nicht viele kommen, das kann ich an den Klicks sehen.

Und dennoch hat sich plötzlich etwas grundsätzlich verändert. Plötzlich wollen die Zuschauer nicht mehr zahlen.Die wollen alles umsonst haben und machen dafür sogar Rechte geltend, nämlich ihr Recht, dass ihnen sagt, sie haben das Recht, alles umsonst zu sehen, weil sie Kinder des Netzes sind und so groß geworden sind, und die Freiheit im Netz ein höchstes Gut ist, und wer die beschränken will, Kontrolle und Zensur ausübt. Das sind pathetisch große Worte für ein einfaches Unrecht, das nicht nur mich betrifft. was ich mir ausdenke, wird dann ja von vielen Menschen realisiert. Es kommt der Regisseur dazu, die Schauspieler, die Kamera, der Ton, das Licht, die Maske, die Garderobe, die Requisite, die Musik, der Schnitt, die Fahrer, Caster, Verleiher, Kinobesitzer, Videoläden, Plakatmaler, ich kann sie gar nicht alle aufzählen, die zur Kreativwirtschaft gehören, so lang ist die Liste derer, die am Entstehen eines Filmes beteiligt sind, dass leicht mit deren Namen eine Zeitungsseite zu füllen wäre - und alle sie leben davon, dass der Film Zuschauer findet, die bereit sind, dafür zu zahlen, weil es ansonsten auch keinen nächsten Film geben wird, weil es kein Geld gibt, den zu finanzieren und zu produzieren. Filme wachsen ja nicht an Bäumen, die man im Spätsommer einfach pflücken kann,

Wir haben als Kinder natürlich Äpfel aus Nachbars Garten geklaut. Was will der Mann denn?, haben wir gesagt. Was regt der sich denn auf, wenn wir in seinen Garten steigen und die Äpfel vom Baum pflücken? Die wachsen von allein, weil die Natur es so will, dem gehört gar nichts, so haben wir gesagt, allerdings hatten wir ein Unrechtsbewusstsein. Wir wussten, dass wir Unrecht taten, und wenn der mit seinen Hunden kam, sind wir schnell über den Zaun und weg. Später, da war ich dreizehn, haben wir Bücher geklaut, weil wir die haben und lesen wollten und kein Geld hatten, die zu kaufen. Wir waren geschickt und haben die armen Verkäuferinnen in den Buchläden ausgetrickst. Die ersten gestohlenen Bücher waren der Grundstock meiner Bibliothek. Das haben wir gemacht - aber wir hatten ein Unrechtsbewusstsein. Und wenn man uns erwischt hätte, hätte es Ärger und Strafe gegeben. Das wussten wir. Das haben wir akzeptiert.

Heute allerdings passiert etwas Tolles. Wenn die Zuschauer meine Filme im Internet sehen, ohne dafür etwas zu zahlen, und mir gefällt das nicht, und ich setze mich zur Wehr und fordere mein Recht auf Honorierung, dann demonstrieren die lautstark in den Strassen und fordern Freiheit. Es geht einfach nicht an, hat der grüne Politiker Thomas Pfeiffer gerade gesagt, dass die Freiheitsrechte auf dem Altar des Urheberrechts geopfert werden.eher, Was ist los? Dass ist ja ein sehr origineller Mensch. Der nennt Stehlen einfach ein Recht auf Freiheit. Und damit die Sache auch legal wird, das Stehlen nämlich, gab es vor dem letzten Parteitag der Grünen in Kiel einen Leitantrag, da wurde gefordert dass das Urheberrecht, in dem Fall das Recht auf Vergütung bei Nutzung des Werkes, 5 Jahre nach Entstehen erlischt. Ich schreibe einen Roman, daran arbeite ich fünf Jahre, der erscheint vielleicht erst in einem kleinen Verlag, dann spricht sich rum, dass dieses Buch ganz fabelhaft ist, es erscheint vielleicht nach vier, fünf Jahren in einem grossen Verlag, und dann soll ich - nach der Vorstellung einiger Grüner - nicht mehr beteiligt werden an den Erlösen aus den Verkäufen meiner Bücher und Filme. Das nenne ich höchst originell. Und zeigt nur, dass die, die sich so etwas Fabelhaftes ausdenken, gar nicht wissen, wie viel Arbeit in einem Roman, in einem Drehbuch steckt und wie viel Zeit, in der ja ein Leben bezahlt werden muss - und zwar von der Arbeit, die man leistet. Oder ist es der Wunsch der Grünen, dass Künstler nur noch als Hobbyisten arbeiten, die alle einen ordentlichen Beruf haben und nur noch in ihrer Freizeit schreiben und malen und komponieren sollen? Dann sollen sie das sagen. Dass ihnen eine Gesellschaft von Hobbyisten vorschwebt. Die fünf Jahre sind dann aus dem Leitantrag gestrichen worden, das erschien wohl selbst den Grünen als zu starker Tobak. Jetzt geistert die Vorstellung im Raum, die Schutzfrist soll auf Lebenszeit des Urhebers gerechnet werden. Auch das ist sehr originell. Ein Autor schreibt mit dreissig ein Buch, er hat Frau und kleine Kinder, stirbt überraschend durch Unfall oder Krankheit - und seiner Frau soll von dieser Sekunde an nichts mehr gezahlt werden aus den Tantiemen. So werden von den Grünen das Eigentumsrecht und das Erbschaftsrecht kurzerhand ausser Kraft gesetzt. Aber es sind ja nicht nur die Grünen und die Piraten, die diese Grundrechte ausser Kraft setzen wollen, das geht inzwischen durch alle Parteien. Das Recht der User, die ihr Recht auf freien Zugang im Internet fordern, soll dem Recht der Urheber gleich gestellt werden. Da sind sich inzwischen die jungen Politikern in allen Parteien - von der SPD bis zur CSU - einig. Sie alle sind opportunistisch auf der Jagd nach Wählern, die sie sowieso nicht wählen werden. Aber dafür opfern sie leichtfertig Grundrechte. Dem unsinnigen Verlangen nach freiem (kostenfreiem) Zugang im Internet wollen sie durch Anpassung des Urheberrechts an die neuen Gegebenheiten Rechnung tragen. Und die Justizministerin, die ja für ihre Partei dringend Wähler braucht, wenn sie im nächsten Bundestag überhaupt einziehen will, verweigert kurzerhand einem Gesetz, das im Bundeskabinett schon beschlossen war, die Unterschrift und lässt prüfen, ob das von einer EU-Kommission ausgehandelte Gesetz (Acta) auch legal ist, weil sie wohl hofft, mit dieser Verzögerungstaktik über die heikle Distanz bis zur nächsten Wahl zu kommen, und so fischt sie im trüben Teich nach Wählern. Alles wird verschoben und vertagt. Das Urheberrecht wird nicht den neuen (technologischen) Gegebenheiten angepasst - was ja nur heissen kann, wie kann ich illegales Handeln im Internet ahnden und verhindern.

Der DGB-Vorsitzende Michael Sommer hat holzgeschnitzt einfach gesagt: “Klauen ist Klauen, auch im Netz.” Ja, was denn sonst? Grundrechte müssen gewährleistet werden - auch im Netz. Und dazu zählt das Recht auf Eigentum, auch auf geistiges, immaterielles Eigentum. Kinder sollen nicht kriminalisiert werden, aber sehr wohl muss ihnen, wie schon immer, ein Rechts- und damit auch ein Unrechtsbewusstsein eingeschärft werden. Und es geht vor allem darum, die Provider, die die illegalen Inhalte hosten, mit denen Kriminelle, wie wir gelesen haben, Millionengeschäfte machen, in die Pflicht zu nehmen. Diebstahl muss im Internet geahndet werden wie auch sonst im sonstigen Leben, weil das Internet Teil unseres Alltags und keineswegs etwas ganz und gar anderes ist. Das Internet ist kein rechtsfreier Raum. Im Übrigen ist es schon amüsant zu sehen, wie naiv die Argumentation derer ist, die glauben, im Netz ihre Freiheit ausleben zu können, wenn man weiss, dass die Welt noch nie so kontrolliert und überwacht wurde wie jetzt, dass die Kontrolle bis in die intimsten Regungen des Netzlebens reicht, und längst einige wenige Firmen das Monopol über das Netz und damit über uns haben: google, faebook, amazon, ebay und einige wenige andere organisieren und kontrollieren unser Leben und lassen uns gnädig die Fiktion - wenn wir in you tube selbstgemachte kleine Filme stellen oder in einem Blog mutig sagen, was Sache ist - im Netz seien wir frei. Ja bitte, wie naiv ist das denn?

Dr. Knut Boeser ist geschäftsführendes Vorstandsmitglied des Verbands Deutscher Drehbuchautoren.

Abgedruckt in "Die Tagespost - Katholische Zeitung für Politik, Gesellschaft und Kultur" am 28.2.2012

Mit freundlicher Genehmigung der Tagespost
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