Verband Deutscher Drehbuchautoren e.V. (VDD)

Im Märchen heißt das Schlaraffenland ...

Der Verband Deutscher Drehbuchautoren empfindet die nun nach dem Parteitag am Wochenende verlautbarte Haltung von Bündnis 90 / Die Grünen zum Thema Urheberrecht als einen Schlag ins Gesicht der Kreativen.

Der Verband Deutscher Drehbuchautoren ist erleichtert, dass zumindest ein Teil der absurden Forderungen des Leitantrags des Bundesvorstands zur Netzpolitik von Bündnis 90/ Die Grünen beim Parteitag am vergangenen Wochenende nicht in den vorläufigen Beschluss "Offenheit, Freiheit, Teilhabe – die Chancen des Internets nutzen – den digitalen Wandel grün gestalten!" übernommen wurden. Nichtsdestotrotz ist auch die nun verlautbarte Haltung zum Thema Urheberrecht ein Schlag ins Gesicht der Kreativen Deutschlands - die ja bisher einen nicht unerheblichen Teil der Grünen-Wählerschaft dargestellt haben.

Insbesondere bei der Schutzfristverkürzung ist man nicht mehr so radikal: Zwar fordert die Partei nicht mehr die Verkürzung der Schutzfristen für urheberrechtlich geschützte Werke von „70 Jahre nach dem Tod“ auf „5 Jahre nach Erscheinen“, trotzdem scheint beschlossene Sache, dass die Rechte der Urheber dramatisch beeinträchtigt werden sollen. Nun wird „nur noch“ über eine Verkürzung des Urheberschutzes auf Lebenszeit gesprochen. „Für die Urheber/Künstler klingt das ganz nach der Strategie, ihnen erstmal die Folterinstrumente zu zeigen und ihnen Angst einzujagen - danach wird auch noch die marginalste Abschwächung wenn schon nicht als Sieg, so doch als Erleichterung empfunden,“ schrieb der Drehbuchautor und Komponist Xao Seffcheque vor einigen Tagen treffend.

Das Grundgesetz schützt ausdrücklich das Eigentum; es existiert keine Passage im Grundgesetz, die das geistige Eigentum davon ausnimmt! Gerade deshalb wirkt der vorläufige Beschluß nicht nur weltfremd, sondern einfach nur zynisch, wenn die Grünen fordern: “Durch eine befristete Exklusivität der Nutzungsmöglichkeiten für die UrheberInnen soll das Urheberrecht bspw. den SchöpferInnen ermöglichen, als Baustein der Finanzierung, von seinem Werk selbst angemessen finanziell zu profitieren (…) und nicht nur von damit verbundenen indirekten Einnahmen (z.B. Auftritte, Merchandise, Vermarktung der Persönlichkeit etc.). Somit soll sichergestellt werden, dass KünstlerInnen die Möglichkeit haben, sich auf die Erschaffung neuer Werke konzentrieren zu können.” Diese Passage illustriert aber auch, wie wenig die Grünen über die realen Lebensverhältnisse der Kreativen wissen.

Zum Thema „Bearbeitung vorhandener Werke“ möchten wir Prof. Fred Breinersdorfer, Drehbuchautor und Jurist, zitieren, der kürzlich in einem Interview sagte: „Schon seit tausenden von Jahren setzen sich Kreative mit bestehenden Werken auseinander und entwickeln sie weiter. Dieser Prozess ist wichtig für unsere kulturelle Entfaltung. Das ist aber keine Erfindung des Internetzeitalters. Ich verstehe nur nicht, warum diese Nutzung kostenlos sein soll, bloß weil die Werke digital und nicht analog vorliegen? Mit welchem Recht verlangt man vom Kreativen, dass er ohnmächtig zusehen soll, wie sein Werk umgestaltet, im schlimmsten Fall banalisiert und zerstört wird?“

Auch wirtschaftspolitisch ist der Beschluss nicht durchdacht. Immerhin ist das ganze moderne Wirtschaftssystem auf Patente und geschützte Ideen aufgebaut. Wenn jeder alles nachbauen dürfte, wären Investitionen bald nicht mehr möglich, weil die Zeit, in der Gewinne erwirtschaftet werden können, zu kurz würde. „Die investierte Denkzeit und die aufgebaute Infrastruktur würden sich nicht mehr rechnen. Unbegrenzter Zugriff auf alle Waren ist eine schöne Idee, im Märchen heißt das Schlaraffenland,“ so VDD-Vorstand Prof. Peter Henning, Drehbuchautor und Regisseur.

Die Drehbuchautoren unterstützen ausdrücklich alle Grünen, die sich wie MdB Agnes Krumwiede für den Erhalt des Urheberrechts in der jetzigen Form aussprechen: „Die Diskussionen um die Neuausrichtung des Urheberrechts im digitalen Zeitalter haben in letzter Zeit auch vor den Schutzfristen nicht Halt gemacht. Ich begrüße ausdrücklich, dass in Brüssel jetzt ein klares Bekenntnis zur Beibehaltung des Prinzips der Schutzfristen beschlossen wurde - wenn auch zunächst nur für das Leistungsschutzrecht. ... Viele Musikerinnen und Musiker haben wie die meisten Urheberinnen und Urheber a priori nur ihre Werke, mit deren Nutzung und Verbreitung sie ihr Auskommen erwirtschaften können. Aufgrund der prekären Lage zu Lebzeiten vieler Urheberinnen und Urheber sind deren Werke und potentielle Einkünfte durch die Rechte an ihren Werken oft das einzige "Erbe", das Urheberinnen und Urheber ihren Nachkommen hinterlassen können. Die garantierten Schutzfristen sind zentraler Bestandteil des Urheber- und Leistungsschutzrechts und notwendig, um Investitionen im künstlerischen Bereich plan- und kalkulierbar zu machen. Mit der Verlängerung der Schutzdauer im Leistungsschutzrecht wurde auf EU-Ebene ein wichtiges Signal zur Stärkung der Rechte von Künstlerinnen und Künstler gesetzt.“

Der Verband Deutscher Drehbuchautoren (VDD) hat in den vergangenen Monaten mit vielen Mitgliedern des Bundestags und der Länderparlamente Gespräche über die Lage der Kreativen in Deutschland gesprochen. Die Gespräche waren konstruktiv, auch die mit den Vertretern der Grünen. Um so fassungsloser ist der VDD über die Ausrichtung des Leitantrags und des (verläufigen) Beschlusses. Wer bei einer Urheberrechtsreform “Kreativität fördern ... und Kreative mitnehmen will”, darf ihre Lebensgrundlagen nicht den angepeilten Wählern opfern.

Die Autoren wollen den Dialog und stehen selbstverständlich weiterhin für Gespräche zur Verfügung - allerdings nicht, wenn er mit der Prämisse geführt wird, das Urheberrecht in jedem Fall einzuschränken.

Die Pressemitteilung des VDD, bei der es sich um die gekürzte Form dieses Textes handelt, finden Sie hier:

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20111130_PM_VDD_Gruene2.pdf52.37 KB