Verband Deutscher Drehbuchautoren e.V. (VDD)

Der DIN A-Kinderfilm - Die Angst des Markts vor dem "originalen" Drehbuchautor

von Katharina Reschke

Die Deutschen sind die Erfinder der DIN-Norm. 1918 wurde das Maßstab gebende Instrument zur "Vereinheitlichung und Qualitätssicherung" erstmals eingeführt und hat bis heute über 32.000 Normen hervorgebracht. Ein Schelm, wer keinen Stolz dabei empfindet! Erst kürzlich vernahm ich das Gerücht, dass auch der Kinderfilm in diesen eindrücklichen Katalog mit aufgenommen wurde. Ein längst fälliger Schritt, dachte ich sogleich, denn schaut man in die Statuten des Deutschen Instituts für Normung e.V., so erfährt man bereits in den ersten Zeilen, dass Erfolg und Qualitätssicherung erst durch Normung zu erlangen sind. Normen bringen "einen hohen betriebs- und volkswirtschaftlichen Nutzen, der für Deutschland auf rund 16 Milliarden Euro pro Jahr beziffert wurde", heißt es auf der Website des Instituts, und es wunderte nicht, wenn sich gerade die Kinderfilm-Branche von dieser fantastischen Formel, die Erfolg bei gleichzeitiger Einsparungsmöglichkeit verspricht, inspirieren ließe.

Denn: So wie Kinder in Deutschland in allen Alltagsbereichen immer wieder zur nachhaltigen Inspirationsquelle neuer Einsparungsmöglichkeiten werden, sieht sich auch der Kinderfilm täglich steigenden Kürzungen und Verknappungen ausgesetzt.

Kinderfilme sind teuer. Zumindest teurer, als Erwachsene es gerne hätten. Und da Kinder in diesem, unserem Land, das als eines der wirtschaftsstärksten und reichsten in der Welt gilt und dessen hohe Lebensqualität sich nicht umsonst auf DIN-fester Betriebswirtschaftlichkeit aufbaut, nun mal in der Unterzahl sind, kann der Rotstift nun wahrlich nicht gerade bei ihnen eine Ausnahme machen. Kaum hatte ich das für meine Profession so richtungweisende Gerücht vernommen, drängte mich mein Forschergeist, der Sache auf den Grund zu gehen. Schnell streifte ich mir also meinen unsichtbar machenden Recherche-Anzug über (eine überaus nützliche Ausrüstung, die alle Autoren zu Beginn ihrer Karriere bekommen, damit sie in der Branche möglichst unauffällig bleiben) und machte mich mit Einbruch der Dunkelheit auf den Weg ins DIN-Institut, Burggrafenstraße 6. Nein, keine Angst, ich war nicht allein. Ein ebenso neugieriger Kollege, den ich noch ein paar Tage zuvor gefragt hatte, warum er eigentlich noch mal genau für den Kinderfilm schreibt, und der mir antwortete: "Weil ich bescheuert bin", stand mir bei der Aktion tatkräftig zur Seite.

Ausgerüstet mit einem aus Eierkartons und Perückennadeln zusammengesetzten Peilsender, den wir in einem Kindermagazin aus dem Jahr 1975 fanden, orteten wir zielsicher das letzte ungenormte Schlüsselloch Deutschlands (ich glaube, es war italienischer Machart) und quetschten uns durch dieses in das Zentrum deutschen Standards. Die dafür notwendigen Klein-mach-Pillen waren die ehrenvolle Trophäe eines Kinderfilm-Drehbuchpreises, der aus Kostengründen kürzlich eingespart wurde. Schlag Mitternacht fanden wir uns von Angesicht zu Angesicht mit dem gigantischen Regelwerk deutschen Erfolgs und zogen aufgeregt die DIN-Norm mit der Nr. 32.663 hervor. Ein zugegebenermaßen zu Tränen rührender Moment, Aug' in Aug' mit der Qualität sichernden Zukunftsformel unseres Strebens: Der DIN A-Kinderfilm, es gab ihn wirklich.

Die Norm ist beeindruckend, ebenso schlank wie simpel. Sie lautet schlicht: Autor + Marke - Authentizität = Erfolg + garantierte Wirtschaftlichkeit hoch 10. Übersetzt heißt das: Die Drehbuchautoren brauchen sich ab sofort keine eigenen Geschichten mehr auszudenken, sondern nur noch etablierte Marken zu Kinderfilmen machen.

Keine Frage, als mein Kollege und ich von unserer Mission zurückkehrten und die Neuigkeit unter den anderen Autoren verteilten, war der Jubel unermesslich. Die einfache und dabei so sichere Anleitung überzeugte auf Anhieb und wurde in der Tat allseits als Aufwand einsparender Gewinn für unsere Zunft bewertet. Endlich waren wir Drehbuchautoren von der Bürde befreit, originell und ur-schöpferisch zu sein! Hatten wir uns bis dato immer wieder über die Sinnhaftigkeit unseres Bemühens den Kopf zerbrochen, waren in unserem Streben nach Originalität unbelehrbar gegen Wände gelaufen und hatten uns in dem illusionären Anspruch nach Innovation und Authentizität die Finger wund geschrieben, befreite uns die DIN-Festlegung mit einem Mal von all diesen Qualen. "Da hab' ich mich Jahre lang gefragt, warum ich als Kinderfilm-Autor weniger verdiene als im Erwachsenen-Film, und war schon kurz davor, gegen diese Ungerechtigkeit anzukämpfen, da muss ich jetzt erkennen, dass eigentlich alles so einfach ist. Ich hab' mir einfach viel zu viele Gedanken gemacht!", strahlte mich ein Kollege erleichtert an und entriss mir begeistert die Formel, um sie gut sichtbar an die Wand zu pinnen.

Anstatt mühsam nach aktuellen Kinderthemen zu recherchieren, konnten wir nämlich gemütlich in unseren Zimmern bleiben und bei einer Tasse Tee Verlagsankündigungen und Fernsehzeitschriften nach bereits etablierten Marken und Cross-Marketing-Produkten durchblättern. Ob Bücher, Figuren, lang laufende Wissenssendungen, verstaubte Märchen aus der Vergangenheit oder Werbepüppchen: Hauptsache, es ist allseits bekannt und damit auch für den Film ein gesicherter Kassenschlager.

Ja, das muss man in der Tat sagen, mit der Einführung des DIN A-Kinderfilms hat unsere Funktion als Drehbuch-Autoren für Kinder endlich ihren normativen Sinn bekommen. Vollkommen fehlgeleitet von dem Begriff Autor, der die Idee des schöpferischen "Hervorholens" in sich führt sowie den Anspruch etwas Neues, ganz Eigenes zu schaffen, das sich mit der Realität der uns umgebenden, kleinen Erdbewohner auseinander setzt, brauchten wir uns ab sofort einfach nur "umzudrehen". Uund ausschauen nach Bestehendem, bereits Erdachtem, Vorgesponnenem, erfolgreich Etabliertem, das die Garantie auf Wirtschaftlichkeit bereits in sich trug.

Eine Kollegin, die sich bis vor kurzem noch mit dem Anspruch umtat, eine Migranten-Action-Komödie ab sechs Jahren selbst entwickeln zu wollen, brach vor unserer aller Augen in hysterisches Lachen aus. In einer Studie hatte sie über die Lebenssituation von Sechs- bis Elfjährigen in Deutschland gelesen und dabei erfahren, dass der Anteil an Kindern mit Migrationshintergrund mittlerweile über 26 Prozent beträgt. Naiv wie sie war, hatte sie weiter recherchiert, war in Schulen gegangen und hatte mit Kindern gesprochen, um dann die Idee für eine Geschichte zu spinnen. Spannend wie lustig wollte sie sich dem Thema nähern. Nun, von der neuen Richtnorm erfahrend, konnte sie sie erleichtert fahren lassen und atmete auf. Fast hatte sie die ewigen Absagen von Produzenten und Sendern schon persönlich genommen, hatte sich aufgrund deren Desinteresses in eine vollkommen unnötige Identitätskrise gestürzt. Jetzt wusste sie es endlich besser. "Die wollen gar nicht, dass wir selber denken", begriff sie und flötete beglückt: "Endlich hat der Spuk ein Ende! Schluss mit den ernsthaften Gedanken über die Problemchen und Bedürfnisse von diesen Gören, der Auseinandersetzung mit deren lästigem Humor und diesem krampfhaften Streben, herauszufinden, mit welchen Themen sie sich aktuell abkämpfen. Endlich nicht mehr in diese verqueren, kleinen Köpfe rein denken und probieren, die sie umgebende Realität für sie verstehbar zu machen! Ich bin befreit!" So ging es uns allen.

Für seinen außerordentlichen Ideenreichtum bekannt - und aus diesem Grund bisher als Autor eher wenig beschäftigt -, packte ein anderer Kollege die Chance sofort beim Schopf und reichte gleich am nächsten Tag beim Sender den Vorschlag für eine Spielfilmadaption ihrer Nachrichtensendung für Kinder ein. Wie er ein Nachrichtenformat genau in die Fiktion übertragen wollte, wusste er noch nicht, aber das war ja nun auch nebensächlich, handelte es sich doch um einen anerkannten Quotenrenner. Noch nie zuvor hatte er so prompt eine Antwort bekommen: Eine grandiose Idee, hieß es in dem Schreiben, er solle bitte sofort mit dem Drehbuch beginnen. Ein Tipp aus Erfahrung dabei: Für die Quote hilfreich wäre, wenn die Spielfilm-Geschichte nicht allzu realitätsnah sei und tief ergreifende Konflikte dabei eher klein gehalten würden. Die Regie hat es darüber hinaus gerne, wenn die Schauspieler bereits durch die Regieanweisungen zu Overacting und Überhöhung motiviert würden, damit die Kinder später auf keinen Fall Gefahr laufen, die erwachsenen Figuren allzu ernst zu nehmen und sich am Ende noch vor ihnen fürchten müssen. "Die kindlichen Zuschauer mögen's nämlich am liebsten harmonisch, bunt und lustig."

Vollkommen deprimiert saß mir kurz darauf eine Kollegin, die bis dato nur für Erwachsene schrieb (da man hier anerkanntermaßen etwas Besseres war) im Café gegenüber. "Ihr habt's ja so was von gut", meinte sie, gegen ihre Tränen ankämpfend, "dass ihr die Formel habt! Für Erwachsene gibt's das ja bisher nur im Fernsehen, aber im Kino... Da ist bei uns echt noch alles möglich. Das ist so was von furchtbar, sag' ich dir. Wenn sich das nicht bald ändert, werde ich vielleicht doch noch für Kinder schreiben - selbst wenn man da weniger verdient und eher für blöd gehalten wird -, aber endlich nicht mehr so wahllos seiner Fantasie ausgesetzt zu sein, ist echt eine extrem erleichternde Aussicht." Wie Recht ich ihr da geben musste. Auch die Kindersektion eines der führenden deutschen Filmfestivals mit internationalen Einreichungen begrüßte umgehend den neuen Trend, indem sie sich kurzerhand in "DIN-Festival" umbenannte. Im Gegensatz zu den letzten Jahren, wo die Originalität immer noch Vater des Festival-Gedankens war (was dazu führte, dass kein deutscher Kinderfilm die Festival-Leinwand erblickte), wird die Veranstaltung nun ganz im Zeichen des heimischen Kinos stehen. "Mit der neuen Leitlinie können wir endlich dem Rest der Welt zeigen, was wir früher nur hinter der Mauer im Osten waren: ein reiches Kinderfilm-Land", bedeutete die Festival-Leitung stolz gegenüber Journalisten und fügte mit einem verschmitzten Lächeln hinzu, dass aus den skandinavischen Ländern nun kein einziger Beitrag mehr zu erwarten sei: "Die halten sich ja für besonders originell und kinderfreundlich."

Einzig über eine geheime Quelle aus dem Untergrund vernimmt man, dass sich offenbar eine kleine Gruppe von Autoren formiert hat, die nach wie vor nicht begreifen will, welche Wohltat ihnen die DIN-Norm bringt. Über eine Website scheinen sie in der Bevölkerung Stimmen für Originalität und mehr Vielfalt im Kinderfilm zu sammeln. Ein paar tausend Unterschriften sollen es werden. Ziemlich naiv, wie ich finde, denn selbst in den momentanen Zeiten überraschender Revolutionswilligkeit in unserem Land kann man sich auf die Quoten-Trägheit deutscher Zuschauer doch immer noch bis zum Untergang verlassen. Oder etwa nicht?

In der Zeitung steht mit Veröffentlichung der Formel auf jeden Fall, Deutschland habe bereits einen Antrag gestellt, den DIN A-Kinderfilm auch auf die internationale ISO-Norm zu übertragen. Umgehender Einspruch kam hierauf natürlich wieder von den osteuropäischen Kinderfilm-Traditionalisten, Skandinavien sowie einigen ehemaligen DEFA-Vertretern, die immer noch nicht begriffen haben, was soziale Marktwirtschaft bedeutet. Die Skandinavier zeigen sich dabei als besonders uneinsichtig, wollen sie doch unbedingt an ihrer Regelung festhalten, die besagt, dass 25 Prozent des Filmfördervolumens per Gesetz in den Kinderfilm investiert werden müsse, wobei Originalität hier besonderen Vorzug genießt. Kinder hätten genauso ein Anrecht auf breite Vielfalt im Film wie Erwachsene, da sie ihnen die Möglichkeit gäbe, sich auf ganz unterschiedliche Weise mit ihrer Realität auseinander zu setzen, behaupten sie, der Staat habe schließlich einen kulturellen Auftrag. Unglaublich! Aber keine Sorge, die Nordländer werden schon auch noch lernen.

Ein Kollege erzählte mir dazu - er wurde soeben mit einem unsichtbaren Fernhör-Ohr für seine hundertste Märchen-Adaption ausgezeichnet - , er habe über unsichtbare Kanäle vernommen, Deutschland arbeite bereits an einem Widerspruch gegen die skandinavische Klage. Man werde damit bis vor den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte ziehen. Recht so.

Auf den Bestand der deutschen Formel, das ist sicher, wird man sich verlassen können, und deshalb habe auch ich mir bereits meine Gedanken gemacht. Neulich im Supermarkt bin ich schließlich auf eine grandiose Idee gestoßen, die ich mir umgehend hab sichern lassen. Ich werde in den nächsten Jahren das gesamte Süßigkeiten-Regal der Nation adaptieren. Den Anfang wird dabei der Kassenschlager "Kinderschokolade - ein Überraschungsfilm für die ganze Familie" machen. Das Kinovergnügen voll echter Schoko-Spannung wird von einem Ei erzählen, das entdeckt, dass der gelbe Überraschungsball in seinem Kugelbauch fehlt und das dadurch in eine lustig aufbereitete und natürlich nur vorübergehend anhaltende Identitätskrise gerät, die nach einer Reise voll bunter Emotionen ein zutiefst hoffnungsvolles Ende findet. Danach schreibe ich das Drehbuch zu "Haribo - Abenteuer im Fruchtgummiland" Teil 1-5, gefolgt von "Nutella - ein Glas macht sich auf Reisen". Für "Fruchtzwerge - Freunde für's Leben" wünsche ich mir insgeheim schon jetzt den DIN A-Drehbuchpreis der Bundesregierung. Den Preis würde ich dann allen Kindern widmen, die glücklicherweise keine andere Wahl hatten, als uns in unserem Erfolg bringenden Unternehmen zu unterstützen.

Katharina Reschke hat u.a. die Drehbücher zu den Kinofilmen "Hanni und Nanni" und "Das Sandmännchen - Abenteuer im Traumland" geschrieben sowie Folgen für die Serien "TKKG", "Rennschwein Rudi Rüssel" und "Vorsicht - keine Engel!"

Info:
Deutschlands Filmförderungen verfügen über ein jährliches Fördervolumen von ca. 155 Millionen Euro. Der kulturellen Kinderfilmförderung (BKM und Kuratorium junger deutscher Film) stehen davon 1,25 Mio. Euro zur Verfügung. Das Durchschnittsbudget eines deutschen Kinderfilms liegt derzeit bei ca. 3,5 Mio. Euro.

www.filmotter.org ist eine Initiative der Autoren der Akademie für Kindermedien sowie des Fördervereins Deutscher Kinderfilm e.V.
Auf der Website werden Unterschriften für mehr Vielfalt im Kinderfilm sowie mehr Original-Geschichten gesammelt. Unterstützt wird die Aktion u.a. von Anke Engelke, Charlotte Roche, Christoph Maria Herbst, Ralf Caspers, Dieter Kosslick sowie vielen weiteren Prominenten.

aus:
FILM-DIENST 24/2010

www.film-dienst.de

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