Verband Deutscher Drehbuchautoren e.V. (VDD)

Buchbesprechung: "Wir bleiben dran " von Heiko Zupke

„Die Serie lebt!“ ruft Joachim Kosack aus, Senior Vice President Fiction, ProSiebenSat.1 TV Deutschland GmbH, als Einstieg in sein Vorwort zum frisch erschienenen „Bleiben Sie dran! Dramaturgie von TV-Serien“ von Rudolf Bohne und Gunther Eschke.

Dem Ausruf kann und will man nicht widersprechen. Das liegt nicht nur an us-amerikanischen Spitzen-Produkten, vor denen man in den letzten Jahren bei genauerer Betrachtung oft ehrfurchtsvoll den Hut zog (nachdem man sich großartig unterhalten hatte). Es gibt in jüngster Zeit wieder Beispiele für deutsche Serienproduktionen, die ebenfalls die von den Sendern erhofften Zuschauerzahlen erreichen oder übertreffen. Sowohl bei den Öffentlich-Rechtlichen als auch den Privaten. Und wir können glücklich darüber sein: Ohne Serien würden alle aus der Branche weitaus schlechter leben. Sie sind für viele das Brot- und Butter-Geschäft. Und verhindern damit wenigstens zum Teil die vom VDD zu Recht beklagte „Hobbysierung“ unseres Berufs.

Die Serie lebt, weil sie geliebt wird. Allerdings nicht alle. Auch in den USA floppt die Mehrheit aller Versuche, von denen wir allerdings selten erfahren. Und nicht alle Formate werden von sämtlichen Zuschauergruppen goutiert. Die eierlegende Wollmilchsau existiert halt auch im Segment fiktionales serielles Erzählen im TV-Bereich nicht. Und Klonen klappt ebenfalls selten. Stattdessen haben offenbar eher Serien Massen-Erfolg, die präzise und gleichzeitig gemäßigt „innovativ“ einprägsame Charaktere und eine „attraktive“ Welt erzählen, die in sich konsequent ist.

Rudolf Bohne und Gunther Eschke formulieren ihren Anspruch in der Einführung ihres Buches so: „Wir wollen mit unseren Vorschlägen ein stärkeres Bewusstsein für die Verwendung bestimmter erzählerischer Mittel und ihrer Wirkung wecken, indem wir aus der praktischen Erfahrung der Stoffentwicklung heraus Erfahrungswerte formulieren.“ Gleichzeitig möchten sie „Die serienspezifische dramaturgische Terminologie mit nachvollziehbaren Inhalten (…) füllen (…).“

Sie ziehen dafür in erster Linie die Serien Desperate Housewives, Dr. House, Monk, Verliebt in Berlin und Doctor´s Diary heran. Natürlich könnte man sofort endlos über diese Auswahl diskutieren , aber sie wird begründet. Dass es sich um Publikumserfolge handelt, kann niemand bestreiten. Hauptsächlich anhand dieser Beispielserien wird nun, teilweise unter beherztem Rückgriff auf Ansätze, Begriffe und Definitionen anderer Autoren wie Roland Zag, John Vorhaus, Laurie Hutzler, Philipp Parker, um einige zu nennen, ein dramaturgisches Sezierbesteck für Serien auf den OP-Tisch gelegt.

Als Blickwinkel für die Analyse werden dafür - in dieser Reihenfolge - „Massenwirksamkeit“, „Figuren“, „Genre“, „Struktur“, „Erzählweise“ eingenommen. Zwangläufig ergeben sich dabei Überschneidungen. Die Autoren liefern jeweils unter Bezug auf die fünf genannten, aber auch andere Serien viele Beispiele und fassen ihre Ergebnisse nach jedem Kapitel stichwortartig zusammen. Diesen Theorieteil, der knapp 200 der insgesamt rund 250 Seiten des Buchs ausmacht, schließen sie mit einer „Exemplarische(n) Sequenz-Analyse der Pilotfolge von Desperate Housewives“ ab.

Es folgen „Praktische Hinweise“: Ein kurzer Überblick über „Ausbildungsmöglichkeiten und Einstieg in den Beruf für Autoren, Dramaturgen und Creative Producer“, der die aktuellen Angebote der Filmhochschulen beschreibt, die „idealtypische“ Gliederung eines Serienkonzepts mit Erläuterungen zu dessen Bestandteilen, und ein Interview mit den Chefautoren von „Verliebt in Berlin“, Michael Esser und Peter Schlesselmann, zum Thema „Die Organisation der Stoffentwicklung“.

Im Teil „Ausblick“ erhellt ein Gastbeitrag von Dr. Frauke Schmickl die noch kurze Historie und die Besonderheiten von seriellem Erzählen im Zeitalter der globalen Digitalisierung; „Webserien“ sind zuletzt dann auch abschließend Thema eines Interviews mit den Producern Sven Miehe und Marco Knies, die solche Formate in Deutschland bereits entwickelt und ins Netz gebracht haben.

Ein kurzes Fazit, bezogen auf den Theorieteil: Die Seziermesser, die hier zur Vivisektion existierender Erfolgs-Serien benutzt werden, sind nicht unbedingt neu, aber scharf und brauchbar. Die Autoren stellen ein Besteck für gröbere und feinere Schnitte zusammen, ohne dabei ein Instrument in seiner Bedeutung grundsätzlich über alle anderen zu stellen, was der Komplexität des Themas sicher eher entspricht als apodiktische Thesen. Über manche Definitionen und Einschätzungen kann und soll trotzdem sicher noch diskutiert werden. Ein Gewinn wäre es schon, wenn das Buch tatsächlich dazu beiträgt, dass sich die Terminologie aller an Serienentwicklungen Beteiligter stärker vereinheitlicht, indem es zu präziserer Benennung und Argumentation zwingt.

Was nicht übersehen werden darf: Es handelt sich um die Vergangenheitsbetrachtung produzierter Erfolgs-Serien. Trotz dieses nützlichen Werkzeugkastens bleibt es deshalb dabei: Die Beurteilung von Serienkonzepten nach rein handwerklichen Gesichtspunkten ist ebenso wie die rein handwerklich akkurate Entwicklung neuer Konzepte sicher eine notwendige, aber eben keine garantierte Voraussetzung für Erfolg. Auch mit Hilfe dieses Buches wird kein Dramaturg, Lektor, Autor oder Redakteur den Erfolg eines Konzepts mit Sicherheit prognostizieren können. (Einen wahrscheinlichen Misserfolg möglicherweise eher, was im wahrsten Wortsinn bereits viel Wert sein kann.) Das gleiche gilt für Versuche, aus den im Buch zu Recht gelobten Komponenten erfolgreicher Vorbilder nun selbst Serien zusammen zu schrauben, die garantiert Quote machen. Auch Dr. Frankenstein setzte auf evolutionär gesehen bewährte Einzelteile wie Arme, Beine, Rumpf und sogar ein Gehirn, als er sein Monster zusammenstichelte. Wie wir wissen, endete die Geschichte trotzdem wenig erquicklich.

Um kein Missverständnis aufkommen zu lassen: Das bringen auch Rudolf Bohne, Gunther Eschke, Joachim Kosack und die Interview-Partner zum Ausdruck. Auch ihrer Meinung nach ist so etwas schwer Fassbares und Herstellbares wie eine „Seele“ unverzichtbar für den Erfolg einer Serie. Um diese einzuhauchen, bedarf es im Ursprung immer Autoren und Autorinnen mit einer kreativen Gesamt-Vision. Kein Drehbuch – keine Serie. Ermutigend für uns. Bleiben wir dran.

UVK-Verlag, € 19,90, ISBN 978-3-86764-176-0