Verband Deutscher Drehbuchautoren e.V. (VDD)

Worte mit Flügeln - Hommage an Wolfgang Kohlhaase - von Jochen Brunow

„Ist ohne Frühstück“ und „Ist auch ohne Diskussion.“ So enden one night stands, zuerst auf dem Papier des Drehbuchs, dann auf der Leinwand und schließlich auch in dem einen oder anderen normalen Leben. Wenn die Dialoge, die man geschrieben hat, zu geflügelten Worten werden, hat man als Drehbuchautor sehr viel erreicht. Wenn diese Sentenzen auch noch den ganz speziellen, unverwechselbaren Klang ihres Autors transportieren, dann hat man so etwas wie eine Marke geschaffen, ein Vorgang den Ameri­kaner „branding“ nennen. Und man darf sich als Autor schon mal selbst zitieren, so wie es Wolfgang Kohlhaase in „Sommer vorm Balkon“ tut.

Kohlhaase 1931 in Adlershof geboren, in der DDR sozialisiert und zum erfolgreichen Autor geworden, hat sich immer mehr für amerikanische Bücher als für sozialistische Arbeiter­literatur interessiert. Sein Witz, auch sein gelegentlicher Spott sind beißend. Sie haben nichts deutsch Klamottiges, sondern orientieren sich auch heute noch am „wit“ dem „Geist“ seiner frühen Vorbilder Mark Twain, Jack London und James Thurber; - vor allem deren Kurzge­schichten eifert er als junger Autor nach, ihre von ihm bewunderte Lakonie versucht er zu imitieren.

Wolfgang Kohlhaase kann sich erregen, nicht nur über das große Welttheater, sondern auch über dieses und jenes, die kleinen Dinge des Alltags. Diese Erregbarkeit speist sich aus einer genauen Wahrnehmung, einer scharfen Beobachtungsgabe. Er gerät dabei jedoch nicht in die kritische Haltung des Analytikers, die vom dramatischen Erzählen her auch unfruchtbar wäre, sondern seine Beobach­tungen kommen aus einer sehr bewussten Teilhabe am Leben und all seinen Aspekten. Da wird Skat gespielt schon aus einer Familientradition heraus, aber eben auch im sozialen Kontext, weil es aufschlussreich ist, weil man dabei spie­lerisch etwas darüber erfährt, wie die Menschen und ihre Strategien der Lebens­bewältigung funktionieren. Skatfreunde aus der Filmbranche halten Kohlhaase für einen sehr guten Spieler, er geht an die Grenzen, überreizt aber selten. Zum Boxtraining geht er auch im sehr hohen Alter noch jeden Samstag, auch wegen der Geschichten, die erzählt werden am Rande des Rings zwischen Sandsack und Seilspringen. Auch in das bisher letzte realisierte Werk „Whisky mit Wodka“ fließen wieder Erkenntnisse aus dieser Sportart in das Manuskript ein. Und bereits die schöne Ilse Pagé in „Berlin Ecke Schönhauserstraße“ hielt natürlich Boxer für die attraktivsten Männer.

Schon früh kommt Kohlhaase nach dem zweiten Weltkrieg als jüngster Volontär und dann als Redakteur zur Ostberliner Jugendzeitschrift „Start“ und wechselt als Assistent in die Dramaturgie der DEFA, sobald die Presse dazu übergeht, statt Kurzgeschichten, Redentexte zu drucken. Und kaum ist er selbst dem Eckenstehen entwachsen, schreibt er Filme über halbstarke Jugendliche. Inspiriert von den Filmen des italienischen Neorealismus entsteht in enger Zusammenarbeit mit dem Regisseur Gerhard Klein die Reihe der berühmten Berlin-Filme, in denen das Leben in der aufgeteilten, aber noch nicht durch die Mauer getrennten Stadt Berlin auf authentische Weise den Weg auf die Leinwand findet.

Es gibt bei Wolfgang Kohlhaase seitdem ein grundsätzliches Interesse am Leben der Anderen, eine große Neugier auf Menschen, verbunden mit einer Parteinahme für die Kleinen, die Geschlagenen, die Unperfekten, die um Anerkennung Kämpfenden. Aber er ist kein Dokumentarist, er glaubt, die erfundene Welt sei oftmals richtiger und vor allem dramatisch tragfähiger als die gefundene. Er hat den Mut, den es braucht, das Gefundene in der Erfindung zu überhöhen, doch er verliert bei diesem Schritt nie die Bodenhaftung.

Kohlhaase entwickelt stabile Beziehungen zu Regisseuren, neben Gerhard Klein sind es vor allem die Regisseure Konrad Wolf und Frank Beyer, mit denen er bei der DEFA erfolgreich zusammenarbeitet und in der Aufarbeitung des Faschismus einen weiteren Schwerpunkt seiner Arbeit findet. Für „Der Aufenthalt“ reduziert Kohlhaase den berühmten, sehr umfangreichen, äußerst vielschichtigen und mit den unterschiedlichsten Erzählebenen jonglierenden Roman von Hermann Kant auf seinen novellistischen Kern und liefert ein Paradestück für die Kunst der Adaption. Die filmische Fabel über einen unschuldig als Mörder verdächtigten einfachen Soldaten, der vorübergehend mit Kriegsverbrechern zusammengesperrt wird, fand zur Zeit ihrer Entstehung nicht ungeteilten Zuspruch. Der Film war 1983 für die Berlinale angemeldet, wurde jedoch wegen einer Intervention der polnischen Regierung von der DDR zurückgezogen. Im Zuge der Verleihung des Ehrenbären an Wolfgang Kohlhaase kommt der Film nun zu seinem verdienten Festivalauftritt.

Mit Volker Schöndorf versucht sich Kohlhaase in „Die Stille nach dem Schuss“ an der filmischen Aufarbeitung eines Deutsch-Deutschen Themas, den in der DDR Unterschlupf findenden RAF Angehörigen. Aber an die Stelle von Wolf und Beyer tritt nach der Wende für Kohlhaase vor allem der junge Andreas Dresen, mit dem er die wunderbar schwebenden Komödien „Sommer vorm Balkon“ und „Whisky mit Wodka“ realisiert.

Wolfgang Kohlhaase weiß: „Das Komische braucht ernste Arbeit.“ Seine spezielle, eigene Art der Komik ist durch den gedanklichen Prozess der Reduktion gegangen, seine Sprache ist eine der äußersten Verknappung, der größtmöglichen Verdichtung auf die Pointe oder eine emotionale Haltung - was ihn so außerordentlich zum Drehbuchschreiben prä­destiniert. Diese Sprache entspricht auch grundsätzlich seiner von Pragmatik geprägten Lebens­haltung. Er weiß, für ein Drehbuch braucht es eine Verabredung mit anderen Interessierten, sonst lohnt es sich nicht aufzubrechen zu dieser langen, oftmals beschwer­lichen Reise zu einer dramatischen Geschichte, die die Kraft entwickeln muss, das so komplizierten Vorhaben einer Filmpro­duktion zu initiieren und zu befeuern.

Bei seinem wohl größten Erfolg „Solo Sunny“ hat Wolfgang Kohlhaase auch Koregie geführt. Aber er sieht die Dinge ungeschönt und betrachtet daher auch seinen Beruf ohne Verklärung. Es ist sicher nicht so, dass er nicht öfter auch daran gedacht hätte, selbst Regie zu führen, aber das jeweils aktuelle Projekt und seine Realisierungschancen waren stets wichtiger. Es war für Wolfgang Kohlhaase immer bedeutsamer, in einer Sache wirklich gut zu sein, als alles zu können. Als Drehbuchautor hat er es vermocht, einen eige­nen, unverkenn­baren Stil zu entwickeln und mit seinem Schreiben Filme in zwei unterschiedlichen politischen und produktionstechnischen Systemen nach­haltig zu prägen. Als deutscher Drehbuchautor ist er einer unserer Größten; ist die lebendige Verkörperung eines dramatischen Autors, denn er hat die Phantasie, sich eine bessere Welt vorzustellen, als die, in der wir leben und das gilt für beide politische Systeme, unter denen er geliebt, gelebt und geschrieben hat. Seine Stoffe entziehen sich der einseitigen ideologischen Nutzung, egal ob sie vor oder nach dem Mauerfall entstanden.

Das Politische übersetzt sich Kohlhaase persönlich gern im Wortsinn: Als die Dinge der polis und seine Stadt ist ohne jeden Zweifel Berlin. Er zeigt uns liebevoll diese Stadt in all ihrer Zerrissenheit und macht zugleich deutlich, nur wenn man wirklich an einem Ort ist, ist man in der Welt, und nur dann wird die Geschichte, die man erzählt, universell. Das ist im deutschen Kino selten geworden. Wolfgang Kohlhaase schreibt nun schon seit über 50 Jahren deutsche Filmgeschichte, weil es ihm gelingt, den Worten in der Reduktion Leichtig­keit und Flügel zu verleihen, so dass sie und die Filme, die nach ihnen entstehen, über alle Grenzen zwischen den Zuschauern hinweg reisen.

Jochen Brunows Würdigung des Drehbuchautors Wolfgang Kohlhaase erschien leicht gekürzt zur Verleihung des Goldenen Ehrenbären im Februar im Begleitheft der Internationalen Filmfestspiele 2010.