Verband Deutscher Drehbuchautoren e.V. (VDD)

Rezension "SCENARIO 4"

Füllhorn, fliederfarben

Die vierte Ausgabe des Film- und Drehbuch-Almanachs SCENARIO ist erschienen. Als wäre es abgesprochen, diesmal farblich passend zur Berlinale-Jubiläums-Tasche in violettem Einband.

Der Herausgeber und seine Autoren bieten zwischen den Buchdeckeln auch in diesem Jahr eine Fülle von Anregungen, Erkenntnissen, Reflexionen und Ausgrabungen. Jochen Brunow leitet die Textsammlung mit einem nachdenklichen und warnenden Vorwort ein, in dem er im Hinblick auf den Fall Heinze als „Spitze des Eisbergs“ unter anderem „Glasnost im nach außen geschlossenen System der öffentlich-rechtlichen Sender“ fordert.

Die bewährten Almanach-Rubriken wurden beibehalten: Das „Werkstattgespräch“ führte der Herausgeber diesmal mit dem Autor, Regisseur und Dozenten Michael Gutmann (u.a. „Lichter“ und „Crazy“). Gesprächsthemen waren Gutmanns fast zufälliges und doch folgerichtiges Hineinwachsen in die Branche, dramaturgische Überlegungen und solche zur Ausbildung von Autoren, sowie Gutmanns Arbeitsweise, vor allem auch bei dessen häufiger Kooperation mit anderen Autoren-Regisseuren wie Hans-Christian Schmid. Die detaillierten Erläuterungen zur Genese des erzählerisch und visuell ungewöhnlichen Münchner Tatorts „Der oide Depp“ und die Andeutungen zu den Problemen bei der Entwicklung des Drehbuchs zu „Krabat“ zeigen, wie nah auch bei renommierten Autoren bei der Entwicklungsarbeit und der Umsetzung Licht und Schatten beieinander liegen können.

Ein weiteres textliches Highlight aus der bundesrepublikanischen Praxis des Drehbuchgeschäfts in den 10er Jahren dieses Jahrhunderts ist wieder das „Journal“. Diesmal führte es Dorothee Schön unter dem Titel „Fahrtenbuch einer Zimmerpflanze“ im Zeitraum Februar bis November 2009. Bei ihr mischen sich aufschlussreich und lebhaft Notizen zu aktuellen Projekten, Schilderungen turbulenter Mitgliederversammlungen der Deutschen Filmakademie mit Nachdenklichem über das Erzählen und über das Verhältnis von Fiktion und Realität und das Erlebnis der Ersten Weltkonferenz der Drehbuchautoren in Athen. Und natürlich spielt auch bei ihr die Aufdeckung des Falls Heinze eine wichtige Rolle.

Wie immer bietet der Almanach aber nicht nur Heutiges, sondern auch Angebote zur historischen Bewusstseinserweiterung. Erzählt wird seit den ersten Tagen der Menschheit, und Drehbücher werden nun auch schon seit gut hundert Jahren verfasst. In der Rubrik „Backstory – Splitter einer Geschichte des Drehbuchs“ findet der Leser diesmal u.a.: Einen wunderbaren Text von Samson Raphaelson über seine Zusammenarbeit mit Ernst Lubitsch und seinen verfrühten Nachruf auf den Freund, den dieser später mit ihm gemeinsam zu überarbeiten versuchte. Einen erhellenden Essay von Michael Töteberg über die „seltsamen und nicht immer vergnüglichen Abenteuer“ des Erfolgsautors Johannes Mario Simmel, in dem exemplarisch die vor allem auch für Autoren tatsächlich bei weitem nicht immer amüsante Entwicklung des westdeutschen Filmgeschäfts nach dem Krieg aufgerollt wird.

Natürlich ist auch wieder das mit dem Deutschen Drehbuchpreis für das beste unverfilmte Drehbuch des Jahres 2009 ausgezeichnete Script vollständig abgedruckt: „Mein Bruder, Hitlerjunge Quex“. Karsten Laske erzählt darin vom Schicksal des kleinen Bruders des Vorbildes für den Titelhelden des Nazi-Propagandafilms.

Viele weitere Autoren und Autorinnen haben lesenswerte Texte beigetragen, darunter Keith Cunningham, Thomas Knauf, Sarah Bräuer, Gerhard Midding, um nur noch einige zu nennen. Einen kompletten Überblick können sich alle Interessierten mithilfe des Inhaltsverzeichnisses des Almanachs verschaffen, das auch in diesem Jahr wieder auf der Verlags-Website zu finden ist: www.bertz-fischer.de/scenario4.html.

Heiko Zupke
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Jochen Brunow (Hg.), Scenario 4 - Film- und Drehbuch-Almanach, 352 Seiten, 167 Fotos,
Hardcover, 17 x 23 cm, EUR 24,00, . 978-3-86505-199-8, erschienen im Februar 2010

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