Verband Deutscher Drehbuchautoren e.V. (VDD)

Rede Wolfgang Kohlhaase am 17.2.2010

Vor längerer Zeit habe ich eine kleine Geschichte an eine Zeitung geschickt und wunderbarerweise wurde sie abgedruckt. Die Redaktion hatte allerdings einen Satz vorangestellt: Diesen Text hat der erst fünfzehnjährige W. K. geschrieben. Und ich dachte: das wäre nicht nötig gewesen.
Vor nicht so langer Zeit, und es handelte sich um den Film „Sommer vorm Balkon“ stand in einer Besprechung: das Drehbuch schrieb der schon fünfundsiebzigjährige W. K. Und und ich dachte wieder: Das wäre ja nicht nötig gewesen.
Zwischen solchen Erwägungen erstrecken sich meine Berliner Tage. Als Ost und West nicht nur Himmelsrichtungen waren, gehörte ich in den Osten. Über die Zeit geblieben ist mir die Lust auf ein Kino, das alltägliche Geschichten erzählt und die große Geschichte nicht aus dem Auge verliert.
Die Arbeit am Drehbuch ist meist der Anfang von allem, doch der es schreibt, schafft es nicht immer auf das Plakat. Falls jedoch ein Film misslingt, gerät er in Verdacht. Man kann sich schützen durch Freude am Leben und eine Art von melancholischem Humor.
Von den unterschiedlichen Regisseuren, die ich getroffen habe, hielten aber die meisten ebenso wie ich die Herstellung eines Films für eine gesellige Beschäftigung. Worte und Bilder brauchen sich gegenseitig. Und ich bin in der Schuld von Schauspielern, die dem, was mir wichtig war, ihr Gesicht und ihre Stimme gegeben haben. Ich bewundere die Erfindungen des Augenblicks, die man nicht vorhersehen kann. Damit ein Film etwas taugt, müssen verschiedene schöne Berufe mehr als einen guten Tag haben.
Ich habe also auch Glück gehabt.
So oder so, Kino hat keine Grenzen. Filme werfen auf die bunte und ungerechte Welt ein weiches oder hartes Licht und wenn sie gut sind, befördern sie die Phantasie, von der man eine Menge braucht, um die Dinge zu sehen, wie sie sind.
Ich habe mir gewünscht, dass heute Abend der Film „Der Aufenthalt“ gezeigt wird. Er beruht auf dem Roman von Hermann Kant, Frank Beyer hat ihn inszeniert, Eberhardt Geick war der Kameramann, Günther Fischer hat die Musik gemacht und Sylvester Groth spielt seine erste große Rolle. Der Film stand schon einmal auf dem Programm der Berlinale, im Jahr 1983. Dann trafen, offenbar auf höherer Ebene, polnische Befürchtungen ein, er könnte zu antipolnischen Reaktionen führen. Dafür gab es aus unserer Sicht kein Indiz, wir widersprachen, aber es half nichts. Es war die Zeit des Kriegsrechts, ein Moment großer Spannungen in Polen und um Polen herum. Die DDR hat den Film zurückgezogen. Nun ist diese Geschichte auch schon Geschichte. Nun kommt der Film nach siebenundzwanzig Jahren doch noch auf der Berlinale an, und das ist ein schöner Augenblick für alle, die damals beteiligt waren.
Frank Beyer ist nicht mehr dabei.
Ich danke Andreas Dresen für seine schöne Rede.
Ich danke der Berlinale für die Ehre, die sie mir erweist.
Ich stehe gern neben Hanna Schygulla.
Ich freue mich und sage mehr zu mir selbst: Das wäre ja nicht nötig gewesen.