Verband Deutscher Drehbuchautoren e.V. (VDD)

Mein Bruder, Hitlerjunge Quex - Laudatio zum Drehbuch von Karsten Laske von Susanne Schneider

Es gibt den überlieferten Seufzer eines Regisseurs über die Arbeit von Jurys: „Auf den Film, den du gut findest, kommen fünf andere, die ihn niedermachen“. Diese Erfahrung kann wohl jeder teilen, der sich schon einmal in einem Gremium oder einer Jury befand, um die Qualität und Preiswürdigkeit von Filmen zu beurteilen.
Und dann gibt es die Ausnahmen. Das sind die Filme oder Drehbücher, bei denen Einhelligkeit herrscht, bei denen es einen beglückenden Konsens gibt über Leistung und Qualität.
Um eine solche Ausnahme handelt es sich bei dem diesjährigen Preisträgerbuch „Mein Bruder, Hitlerjunge Quex“:

Erzählt wird die Geschichte vom kleinen Erwin Norkus, dessen Schicksal es war, im übermächtigen Schatten seines älteren Bruders Herbert zu stehen und von diesem fast verschluckt zu werden.
Herbert Norkus war ein Hitlerjunge aus Berlin, er war 15 Jahre alt, als er den so genannten Heldentod starb. Mit einer Gruppe Gleichgesinnter verteilte er Flugblätter mit Nazipropaganda und wurde dabei von Kommunisten niedergestochen. Für eine Bewegung, die den Opfertod vergötterte, wurde er der „Blutzeuge der Bewegung“, ein Märtyrer, ein Held. Aus Herbert Norkus wurde der Hitlerjunge Quex. Ein Roman erzählte und idealisierte seine Geschichte, „Hitlerjunge Quex“ wurde einer der berühmtesten Propagandafilme der Nazis, ein Kriegsschiff wurde nach ihm benannt, Straßen und Plätze. Herbert Norkus wurde das Idol einer verführten Jugend.
Wie aber ergeht es einem, der qua Geburt in nächster Nähe mit einem solchen „Helden“ lebt, der zur Familie gehört und der in diesen Strudel gerissen wird ohne es zu wollen?
Das war das Schicksal Erwins, und er konnte ihm nicht entrinnen.
Aus dieser Perspektive des Jüngeren, des kleinen Bruders, schlägt das Buch einen Bogen vom erstarkenden Nationalsozialismus bis hin zu dessen Ende, bis all die Fanfaren verklungen, die Lieder gesungen und der Traum vom ewigen Reich in Trümmern liegt.

Karsten Laske, der Erwins Geschichte erzählt, ist ein sensibler Autor. Er erzählt von der Not eines Kindes, das für seine nazitrunkene Umwelt nur als Spiegel des älteren Bruders existiert und das doch nur es selbst sein will. Mit allen Mitteln wird versucht, Erwin in Herberts Fussstapfen zu pressen. Ob das die wortwörtlich zu grosse Uniform-Mütze ist, die ihm aufgesetzt wird oder die erbitterten Versuche der Funktionäre, ihn im Sinne der Nazis zu drillen und zu ertüchtigen.
Niemand sieht Erwin, alle wollen Herbert sehen. Das Kind zerbricht fast daran und am deutlichsten wird ihm seine Nicht-Existenz vor Augen geführt als er in dem Film, der über seinen Bruder gedreht wurde, nicht einmal vorkommt. Es gibt ihn nicht.
Erwin ist der David, der gegen Goliath nicht ankommen konnte in einer Zeit, in der das Individuum nichts, die Masse alles war.
Und als die ganze Naziherrlichkeit zerbombt ist wie ein böser Spuk und jede Verbindung mit den Helden des untergegangenen Reiches gefährlich wäre, muss Erwin sogar seinen Namen aufgeben. Aus Erwin Norkus wird Erwin Schmidt.
Aber er ist endlich kein kleiner Bruder mehr, er ist er selbst.
Der Autor lässt uns jedoch nicht befreit aufatmen am Ende seiner Geschichte, denn er lässt den jetzt erwachsenen Erwin sagen: „Meine Kindheit und Jugend waren vorbei. Was jetzt kommt spielt keine Rolle mehr“.
Ein bitteres, aber wahres Fazit. Denn die Jahre in denen wir werden was wir sind, von denen wir ein Leben lang zehren, für Erwin sind sie unwiderbringlich verloren.
Und während wir Erwins Geschichte folgen, erzählt uns Karsten Laske wie nebenbei, in den kleinen, teils skurrilen Szenen des Alltags, vom Aufstieg und Fall eines Reiches, vom Wahn einer Zeit und von der verstörenden Banalität des Bösen. Durch Erwins Augen schauen wir wie durch ein Vergrößerungsglas und ahnen, wie wenig unser Schicksal mit unserem eigenen Vermögen, unserem Willen und Wollen zu tun hat und dass man ihm, wird man in falsche oder unglückliche Zusammenhänge und Zeiten geworfen, nicht entrinnen kann.

Die Jury freut sich ausserordentlich, Karsten Laske den Drehbuchpreis 2010 für „Mein Bruder, Hitlerjunge Quex“, zu verleihen. Wir gratulieren dem Autor zu einem Buch, das feinnervig und genau von einem speziellen Einzelschicksal erzählt und das Kunststück fertigbringt, darin das große Ganze zu spiegeln. Das Buch hat alles, was gutes Kino ausmacht: einen Protagonisten, mit dem wir leiden und hoffen, einen zutiefst menschlichen Blick auf Figuren und ihre Nöte, es hat Bilderreichtum, eine eigene Sprache und Humor. Die Geschichte berührt, ohne auch nur eine Sekunde lang rührselig zu sein, sie erzählt ein extremes Schicksal in einer extremen Zeit, subtil, spannend und ihrem Objekt gegenüber stets integer.
Das ist viel, das ist preiswürdig. Wir wünschen dem Autor und seinen Mitstreitern alles Gute für das weitere Gelingen dieses Projektes, wir sind gespannt und freuen uns auf einen grossen Film mit vielen Zuschauern. Alles Gute!