Verband Deutscher Drehbuchautoren e.V. (VDD)

Nachruf auf Jürgen Ladenburger

Drehbuchautor & VDD-Mitglied
1955 - 2009

Als ich Jürgen Ladenburger Anfang der Neunziger kennenlernte, schrieb er gerade an einem Drehbuch über das Leben Hansheinrich von Wolfs. Dieser faszinierend-verrückte Kolonialist hat sich Anfang des 20. Jahrhunderts eine deutsche Ritterburg in die namibische Wüste gebaut. Das Buch wurde leider nie produziert, genauso wenig wie ein Projekt, dass in einer anderen Wüste spielt, nämlich in der Mojave Wüste: Für „Diablo Junction“, geschrieben in den USA zusammen mit Tom Hammond, hatten schon Schauspieler wie Ray Wise zugesagt, und es stand immer mal wieder fast die Finanzierung. „Fast“ - ein Wort, dass in vielen Drehbuchkarrieren eine große Rolle spielt, auch in Jürgens. Das macht seinen Werdegang vielleicht typisch für einen Drehbuchautoren, wenn er auch sonst einmalig war:

Jürgen brach 1987 mit einem Leben in der schwäbischen Jugendarbeit, ging nach Hamburg und zum Film. Er machte zuerst als Regisseur von Dokumentarfilmen von sich reden, z.B. für den „Deutschlandspiegel“ der Multimedia, für den er bei der Maueröffnung dabei war. „Warum glaubt mir denn keiner“ war dann ein erfolgreicher Langfilm über Gewalt gegen Kinder. Nachdem er Anfang der Neunziger drei Filme mit der Hamburger Commedienne Marlene Jaschke inszeniert und geschrieben hatte, deren Genre man heute vielleicht „Doku-Fiction“ nennen würde („Mit Frau Jaschke in Neuseeland“), setzte er alles auf die Karte Drehbuchautor. 1994 nahm er an einem Frank-Daniels-Seminar in Hamburg teil. 1995 wurde er am renommierten American Film Institut in die Drehbuchklasse aufgenommen. Er war ein Spätberufener, beim Antritt seines Studiums 40 Jahre alt. Wieder brach er auf, begann mit seiner Frau Margit ein neues Leben in Los Angeles.

Die folgenden 2 Jahre Ausbildung am AFI in Los Angeles haben ihn stark geprägt. Sie waren ein Glücksfall für ihn. Ein Filmverrückter war im Mekka des Kinos angekommen! Unter Lehrern wie Frank Pierson („Dog Day Afternoon“, „Cool Hand Luke“) und in der Auseinandersetzung mit ständig wechselnden Gastlektoren aus Hollywoods Bel Etage (z.B. Budd Schulberg, Shane Black, Cameron Crowe) hat er das Handwerk des Drehbuchschreibens - und als solches hat er es immer verstanden - von den Besten seines Fachs gelernt. Das geistige wie das tatsächliche Klima Los Angeles‘ kamen ihm dabei sehr entgegen: Er liebte die Wärme, liebte sein Arbeitszimmer in dem kleinen Gartenhäuschen in Venice Beach, die Ausflüge in die Wüste, das Boule-Spiel im Freien mit Freunden.

Nachdem 2001 die letzte Visumsverlängerung abgelaufen war, kehrten Jürgen und Margit zurück nach Deutschland. Die Rückkehr fiel schwer. Zuerst leben sie in Stuttgart, seit 2003 wieder in Hamburg, wo Jürgen direkt an der Alster mit Blick auf den Feenteich gearbeitet hat. Es gehört zu den Absurditäten unserer Branche, dass Jürgen dann nicht in Deutschland, sondern in der Schweiz als Kinoautor reüssierte. Über den eidgenössischen Regisseur Mike Eschmann, den er am AFI kennengelernt hatte, fasste er Fuß in der Schweizer Filmproduktion und pendelte ab da zwischen Zürich und Hamburg. Er schrieb so unterschiedliche Filme wie das Analphabeten-Drama „Kilimanjaro: How to Spell Love“ oder die Historien-Komödie „Tell“. Die Dreharbeiten zu seinem neuesten Kinoprojekt begannen eine Woche nach Jürgens Trauerfeier. Er selbst schrieb über den Film, der auf einer Kinderkrebsstation spielt: „Stationspiraten“ ist keine Geschichte über den Kampf gegen den Tod. Diesen Kampf verlieren wir eh. Nein, es ist eine Geschichte, die vom bewussten Leben erzählt. Die von der Chance erzählt, sich des Lebens bewusst zu werden. Diese Chance hat er selbst mit beiden Händen ergriffen. Sein plötzlicher Tod an einer schweren Lungenentzündung war jetzt dennoch ein Schock!

Wie bei vielen von uns sind zuviele seiner Projekte unter haarsträubenden Umständen gescheitert. Jürgen fragte sich oft, warum die Autoren in der Filmbranche wie Aussätzige behandelt werden, wo doch ihre Geschichten am Anfang von allem stehen. Er mochte sich aber nicht damit abfinden und hat immer wieder versucht, dagegen anzugehen. Er schrieb auf Deutsch, Amerikanisch und Schwyzerdütsch - nur für das deutsche Fernsehen schrieb er nicht. Dabei habe ich immer seine Konsequenz bewundert, nicht alles mit sich machen zu lassen: Er mochte sich dem deutschen Redakteurswesen nicht anpassen. Also setzte er in seinen Kinoverträgen eine Klausel durch, die seine Produzenten dazu verpflichtet hat, jeden Kontakt mit Fernsehredakteuren von ihm fernzuhalten. Konsequent und gründlich war er nämlich in allem, was er tat, dabei auch unbequem. Er kämpfte für seine Geschichten bis in die letzten Details und bis zur letzten Fassung, gab niemals auf, nach Gründen für eine Änderung zu fragen oder seine Version zu verteidigen - bis jemand mit einer besseren Idee kam. Die hat er dann allerdings auch gerne akzeptiert.

Jürgen, dein Humor und Witz, dein Verstand, deine Neugier, deine grundlegende Menschlichkeit, deine bohrenden Fragen an den richtigen Stellen nach den wichtigen Dingen werden mir fehlen! Ich stelle mir vor, dass du jetzt vor einer Ritterburg in deiner geliebten Wüste sitzt, grinsend im Schatten, die Hände auf der Tastatur, im Mund ein Zigarillo, auf dem Kopf die Schirmmütze. Dass ich nicht mehr lesen kann, was du da gerade schreibst, macht mich unsagbar traurig.

Arne Sommer, Oktober 2009