Verband Deutscher Drehbuchautoren e.V. (VDD)

„FilmStoffEntwicklung“ - Tagungsbericht

„Das Riskanteste, was man machen kann, ist Bücher zu schreiben. Development ist das Schwierigste.“ Christian Wagner, Regisseur und Autor, in der Paneldiskussion: „Stoffentwicklung im Team“.

Draußen herrliches Spätsommerwetter, drinnen Menschengewusel: Am 19.09.2009 veranstaltete der Verband deutscher Film- und Fernsehdramaturgen e.V. (VeDRA) in den Räumen der Werkstatt der Kulturen in Berlin-Neukölln unter dem Titel „FilmStoffEntwicklung“ seinen ersten „Tag der Dramaturgie“. Die Teilnehmerzahl übertraf die vorsichtigen Schätzungen der Veranstalter deutlich: Rund 250 Menschen – DramaturgInnen, aber auch viele AutorInnen, ProducerInnen und sonstige Interessierte - füllten letztlich zeitweise die mangels Erfahrungswerten ursprünglich für etwa 100 Teilnehmer ausgelegten Veranstaltungsräume. Das Programm umfasste über ein Dutzend teilweise parallel laufende Vorträge, Werkstattgespräche, Diskussionen, Case Studies und ein Speed-Dating zum Netzwerken und Visitenkarten-Tausch. Hier einige Eindrücke:

Die morgendliche „Diskussion“ unter dem vielversprechenden Titel „Wirklich reihenweise Flops? Die Praxis der Serienentwicklung in Deutschland“ geriet mehr zu einem fernsehhistorischen und vergleichenden Vortrag von Dr. Dennis Eick, gewürzt mit einigen Ausschnitten aktuell laufender amerikanischer und kanadischer Serien. Zumindest der serienerfahrene Zuhörer erfuhr wenig Neues. Dass die Amerikaner tolle Serien machen und viel mehr Geld pro Folge ausgeben können, ist ein Gemeinplatz.

Prof. Dr. Linda Breitlauch präsentierte eine erhellende Einführung in die Gemeinsamkeiten und Unterschiede der „Dramaturgie in Computerspielen und im Film“. Leider war die Zeit knapp bemessen, so dass sie gegen Ende ihren Vortrag sehr raffen musste. Aus Autorensicht bleibt positiv zu vermelden: Die Expertin meint, dass im Bereich der Story-Entwicklung für Games eindeutig Bedarf an erfahrenen Autoren bestehe. Denn auf der Handlungsebene bewegten sich viele Spiele trotz mittlerweile verblüffend realer visueller Effekte auf schlechtem B-Movie-Niveau. Das sei ein echtes Problem, da es die Spieler auf die Dauer nicht befriedige.

Der schon eingangs zitierte Regisseur und Dozent Christian Wagner („Wallers letzter Gang“,„ghettokids“) berichtete in der Paneldiskussion „Stoffentwicklung im Team“ erfrischend pragmatisch von positiven (verbesserte Kommunikation, Beschleunigung, längerfristig erfolgreiche kreative Teams), aber auch negativen Erfahrungen an der Filmakademie Ludwigsburg. Dort wurden und werden Studenten aus den Studiengängen Drehbuch, Regie und Produktion phasenweise dazu „verdonnert“, Stoffideen im Team zu entwickeln und umzusetzen. Mit trockener Ironie schilderte der Praktiker unter anderem, dass sich Folgendes gezeigt habe: Bei allen Diskussionen über den Stoff sind 1. eine Zeitbeschränkung („höchstens 2 Stunden!“), 2. eine Protokollierung und 3. abschließend gemeinsam beschlossene, konkrete Handlungsanweisungen für alle Beteiligten notwendig, um effizient zu bleiben. Ein beherzigenswerter Ratschlag, nicht nur für Studenten. Hat schon mal jemand ausgerechnet, wie viel Zeit und Energie auch von „Profis“ in unproduktiven, weil schlecht vorbereiteten, unfokussierten und geschmäcklerischen Stoffbesprechungen verschwendet wird?

In der auf Kino-Stoffe ausgerichteten Paneldiskussion „Welche Storys braucht das Land? Dramaturgie als Wertschöpfung zwischen Kunst und Kommerz“ hatten die Panel-Teilnehmer aus ihrer Sicht Unterschiedliches zu sagen: Andrea Willson, Creativ Producerin beim Major-Verleih Universal („Anatomie“, „Das Experiment“), machte speziell für Deutschland ein Interesse an Täter/Opfer-Geschichten aus, die den Zuschauer mit der Frage konfrontieren: Wie hättest du dich in dieser Situation verhalten? Regisseur und Autor Dennis Gansel („Napola“, „Die Welle“) berichtete von dramaturgischen Problemen, die Adaption eines wuchtigen, multiperspektivischen, nihilistischen Kriegs-Romans zu stemmen. Im Roman sind am Ende alle tot. Das wiederum ist für einen Film, der erklärtermaßen ein größeres als das Arthouse-Publikum erreichen soll, ein Killer-Kriterium. (Man ist gespannt auf die Lösung, fragt aber leise seufzend auch: Müssen denn jetzt wirklich alle Romane – besonders die literarisch großartigen – für eine Verfilmung „zugerichtet“ werden…?) Für den Autor Martin Rauhaus („Dr. Molly & Karl“, „Winterreise“, „Die Luftbrücke“) wiederum ist die Stoffauswahl nichts willkürlich zu Steuerndes und kein „group process“, sondern etwas Intuitiv-Höchst-persönliches. Moderator Roland Zag und Ines Häufler, beide Dramaturgen, vertraten unterschiedliche berufliche Selbstbilder: Zag sprach dem Dramaturgen einen gleichsam von Interessen und Erdenschwere gelösten, „objektiven Blick von außen“ zu, hilfreich für Produzenten wie Autoren. Häufler wollte diese idealisierte Sicht für sich in der Praxis so nicht ganz gelten lassen: Natürlich werde sie in der Regel bei Stoffentwicklungsproblemen vom Produzenten engagiert und bezahlt und dem Autor oder der Autorin manchmal aufgezwungen. Der Produzent Christoph Müller („Whisky mit Wodka“, „Vollidiot“) erklärte, dass für ihn ein wesentlicher Aspekt bei der Auswahl und Entwicklung von Stoffen ist, ob die Chemie mit den Beteiligten stimme. Die Persönlichkeit, nicht der Berufsstand sei ihm wichtig: „Will ich mit diesem Menschen wirklich die nächsten 3 Jahre an diesem Projekt verbringen?“ Konsens konnte in dieser heterogenen Runde im Hinblick auf die Ausgangsfrage immerhin darüber hergestellt werden, dass das Land Stoffe brauche, die ein „echtes Thema haben, dessen emotionaler Kern herausgeschält“ werden müsse.

Das große Publikumsinteresse an den Angeboten des „Tages der Dramaturgie“ ist wohl ein deutliches Zeichen dafür , dass ein Bedürfnis nach Treffen besteht, auf denen berufsübergreifend über Inhalte, Stoffe und die Branche informiert, diskutiert und last but not least Networking betrieben werden kann. Seit das „Scriptforum“ nicht mehr durchgeführt wird, besteht hier im deutsch-sprachigen Raum eine Lücke. Planung, Organisation und Finanzierung einer solchen Veranstaltung stemmt man allerdings auch nicht mal so nebenbei. Deshalb abschließend: Beifall für den Dramaturgenverband, der das Wagnis eingegangen ist.

Heiko Zupke